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"So mies die Welt aussieht ... wir leben hier friedlich dahin"
Ernst Reuter und seine Familie im türkischen Exil

Feature, B2 radioZeitreisen 2005 (Länge 28'50'')

mit Franziska Bronnen und Jochen Striebeck
Redaktion und Regie: Ulrich Klenner

Während in Nazi-Deutschland viele Menschen verfolgt wurden, lud Kemal Atatürk Wissenschaftler, Politiker und Künstler in die junge türkische Republik ein, um deren Modernisierung voranzutreiben. Ein einzigartiger Glücksfall für viele politische und jüdische Emigranten. Unter ihnen war auch der SPD-Politiker Ernst Reuter, der spätere Nachkriegsbürgermeister von Berlin. 1935 floh er nach zwei KZ-Inhaftierungen mit seiner Familie nach Ankara, um dort im Wirtschaftsministerium und später als Professor an der Hochschule für Politik zu arbeiten. Schnell lernte er Türkisch, hielt seine Vorlesungen in der Landessprache und verfaßte Lehrbücher zu kommunalpolitischen Fragen.Sein Sohn Edzard Reuter erinnert sich an seine Kindheit im Ankara der 30er Jahre. Die heutige 3 bis 4 Millionen-Metropole war damals ein Städtchen mit 100 000 Einwohnern. Sein Vater fuhr mit Baskenmütze und Fahrrad durch die Stadt – ein etwas ungewöhnlicher Anblick in Ankara. Nichtsdestotrotz wurde er von seinen türkischen Studenten verehrt. Wie sein Vater lernte Edzard schnell Türkisch, kickte mit Nachbarskindern und verbrachte seine Sommerferien bei anderen Emigrantenfamilien in Istanbul. Als die Türkei 1944 auf Seiten der Alliierten in den Krieg eintrat, wurden viele Deutsche – egal, ob sie für oder gegen die Nazis waren – in anatolischen Dörfern interniert. Die Reuters können in Ankara bleiben. 1946 kehren sie nach Berlin zurück. Ernst Reuter wird Regierender Bürgermeister, sein Sohn Edzard macht in der Wirtschaft Karriere, wird Vorstand der Daimler-Chrysler AG und setzt sich für die Integration und den Austausch mit den in Deutschland lebenden Türken ein.