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"Alles ist ja so traurig für mich"
Die Ermittlungen gegen den NS-Verbrecher Karl Jäger

Feature, B2 radioZeitreisen 2009 (Länge 23'17'')

mit Franziska Ball, Hubert Mulzer, Reinhard Glemnitz, Christian Jungwirth, Beate Himmelstoß
Redaktion und Regie: Ulrich Klenner

Seinem Enkel ist es zu verdanken, dass Karl Jäger im Frühsommer 1959 festgenommen werden konnte. Seit 1956 war nach ihm gefahndet worden – zeitweise sogar über Interpol. Erst nachdem die Polizei bei seiner Familie vertrauliche Ermittlungen angestellt hatte, konnte er verhaftet werden. Sein 8-jähriger Enkel hatte erzählt, dass sein Opa in der Nähe von Heidelberg lebe. Als SS-Standartenführer und Kommandant des “Einsatzkommandos 3” zeichnete Karl Jäger verantwortlich für die Ermordung von fast 140.000 Menschen in Litauen und Weißrussland. Während der umfangreichen Ermittlungen gegen ihn wurden Dutzende von Zeugen befragt: Überlebende aus den Ghettos, SS-Mitglieder, Polizisten, Soldaten und Zivilisten. Mit Akribie versuchten die Ermittler zu rekonstruieren, was ab Beginn der deutschen Besatzung 1941 bis zum Kriegsende im Baltikum geschehen war. Karl Jäger gab bei den Vernehmungen weder den selbstbewussten NS-Karrieristen noch zeigte er Reue oder Schuldbewusstsein. Der 70-Jährige inszenierte sich als biederer Herr, der durch tragische Umstände in die Naziverbrechen verwickelt worden sei. Im Juni 1959 beging er in seiner Zelle Selbstmord – nicht ohne larmoyante Abschiedsbriefe zu hinterlassen. An einen Ermittlungsbeamten schrieb er: „Ich scheide aus diesem Dasein, weil ich dieses Leben nicht mehr ertragen kann. (...) Mein Erinnerungsvermögen hat mich vollständig verlassen, ich kann die Auskunft, die Sie von mir verlangen, nicht mehr geben. Ich weiß und es ist mir bewusst, dass die Mitangeklagten nun alle Schuld auf mich abladen werden. Ich verzeihe ihnen.“ Und an seine Familie: „Meine Nerven leiden natürlich sehr unter dem furchtbaren Schicksal, das mich getroffen hat. Alles ist ja so traurig für mich.“