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170. GLOW So, 10.09.2017 Neutral-Moresnet

Will, Ton, Ruud, Niko, CB, 11 km mit 170 m bergauf, heiter, m. SW-Wind, 16°

Treffen auf dem Parkplatz am Casino-Weiher. Eigentlich wollen wir den Spuren der bizarren Geschichte des kleinen Fleckens Neutral-Moresnet erkunden. Info  aus tagesschau,de:

200 Jahre Neutral-Moresnet: Ein staatenloses Stück Torte

Es war einmal ein Niemandsland irgendwo zwischen Aachen und Eupen. Ohne Justiz oder Schulpflicht, aber mit Fahne und Briefmarke. Neutral-Moresnet - ein 3,4 Quadratkilometer kleines staatenloses Gebiet in Form eines Tortenstücks. Ein Historiker hat seine Geschichte aufgeschrieben.

Von Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel

Er muss immer an ein klitzekleines Stückchen Torte denken oder an eine dreieckige Mini-Pizza: "Sehen sie mal da", ereifert sich Belgiens populärster Historiker und Reise-Schriftsteller David van Reybrouck und deutet auf eine alte Europakarte von 1816. Preußen ist zu erkennen, die Städte Aachen und Eupen. Und ganz in der Nähe, aber bereits auf dem Territorium der Niederlande, ein winziges weißes ausgespartes Dreieck. Die kleine staatenlose "Pizzaspitze" trug den Namen "Neutral-Moresnet".

Ein Kind des Wiener Kongresses

Immerhin 103 Jahre lang existierte das Niemandsland im heutigen Südostbelgien unweit von Aachen. Seine Geburtsstunde war ein Europa-Gipfel namens Wiener Kongress - als der Kontinent 1816 nach Napoleons Waterloo-Untergang neue Grenzen zog.

Das Ende von Neutral-Moresnet leiteten 1919 die Versailler Verhandlungen ein, erzählt Historiker Reybrouck, der dem Winzlingsterritorium ein Buch mit dem Titel "Zink" gewidmet hat, denn einer Zinkmine verdankte Moresnet seine neutrale Niemandsland-Existenz.

Europas profitabelste Zinkmine war hochbegehrt, denn Zink galt als Zaubermetall: leicht und nicht rostanfällig. Napoleons Reisebadewanne, die Dachkanten und Regenrinnen von Paris - alles wurde damals vor Feuchtigkeit geschützt durch Zink aus der Grube von Neutral-Moresnet. "Wenn es in Paris regnet, dann tropft es auf Zink aus Moresnet", sagt der Historiker Reybrouck. Ob Preußen oder die Niederlande: Alle Nachbarn wollten das profitable Zinkhütten-Nest haben, also bekam es mehr als 100 Jahre lang niemand. Ein Niemandsland im kriegerischen Europa, ohne Wehrpflicht, ohne Steuern, ohne eigene Währung und ohne Zollabgaben, weiß Moresnet-Forscher van Reybrouck, der im Wald noch einen von 60 Grenzsteinen der neutralen Exklave entdeckte.

Die Bewohner von Neutral-Moresnet waren sich durchaus ihres Landes bewusst: Es gab sogar eine eigene Hymne, eine Flagge und eine eigene Briefmarke. Moresnet entwickelte sich schnell zum Magnet der Schmuggler, Deserteure und Bergarbeiter und Ende des 19. Jahrhunderts auch noch zum Eldorado der Esperanto-Anhänger, die mit ihrer 1887 erfundenen Kunstsprache das neutrale Moresnet zum Zentrum grenzenloser Völkerverständigung machen wollten.

Plötzlich hatte das 250-Seelen-Nest mehr als 3000 Einwohner. Frauen aus der Schweiz und aus Preussen zogen nach Moresnet, auf der Flucht vor der Engstirnigkeit ihrer Heimat. Maria Brixen aus Düsseldorf zum Beispiel, die ein uneheliches Kind erwartete. Ihr Sohn Emil wurde 1903 in Neutral-Moresnet geboren, als Staatenloser. Als Emil Brixen 1971 dort starb, war Moresnet längst nicht mehr neutral, sondern gehörte zu Belgien, nachdem es zuvor vom Deutschen Kaiserreich annektiert worden war.

Nach dem ersten Weltkrieg wurde das ehemals neutrale Niemandsland Moresnet 1919 im Versailler Vertrag Belgien zugesprochen. Zuvor war es bereits vom Deutschen Kaiserreich annektiert worden. Hitlers Truppen besetzten es dann im zweiten Weltkrieg, nach dessen Ende Moresnet wieder belgisch wurde.

Der Staatenlose Emil Brixen, 1903 geboren in Neutral-Moresnet, 1971 gestorben in Moresnet, wechselte zwar niemals den Wohnsitz - aber fünf Mal die Staatsbürgerschaft. "Er hat keine Grenzen überschritten. Die Grenzen sind vielmehr über ihn hinweg gegangen", bilanziert van Reybrouck die von ihm entdeckte Biographie des Zinkhüttenarbeiters und Bäckers. Emil Brixen war zunächst Bewohner eines neutralen Zwergterritoriums, dann Untertan des deutschen Kaiserreichs, schließlich Bürger des Königreiches Belgien, dann Staatsangehöriger im Dritten Reich, abgeführt als deutscher Kriegsgefangener. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde er schließlich wieder Belgier. Fünf Staatsangehörigkeiten in einem einzigen Leben ohne einen einzigen Grenzübertritt: eine europäische Geschichte aus Moresnet, dem heutigen Kelmis in Südost-Belgien.

Ergänzend Deutschlandfunk:

In der gut hundertjährigen Geschichte dieses Zwergstaates gibt es sogar Ansätze zu einem Unabhängigkeitskampf. Im Jahr 1886 gründet der weltbürgerlich denkende Oberarzt Dr. Wilhelm Molly mit einigen philatelistischen Freunden einen eigenen Postdienst nebst Postanstalt, die "Kelmiser Verkehrs-Anstalt zu Neutral Moresnet". Acht Briefmarken werden gedruckt und ausgegeben. Doch Preußen empört sich über "die Schändung des Postmonopols". Unter Bezug auf die für Moresnet gültige Gesetzgebung des ehemaligen französischen Kaiserreichs, die den Postdienst als Staatsmonopol festlegt, wird die eher symbolische Unabhängigkeitsgeste unverzüglich verboten.

Zwanzig Jahre später erwägt Dr. Molly zusammen mit dem französischen Professor Gustave Roy die Gründung eines neutralen Esperanto-Staates in Moresnet. Das neutrale Gebiet von Moresnet, im Zentrum dreier Landesgrenzen und -sprachen gelegen, wird als privilegierter Ort der Völkerverständigung angesehen und am 18.August 1908 auf dem 4. internationalem Esperanto-Kongress in Dresden zur Hauptstadt der Esperanto-Bewegung erklärt. Esperanto-Schulen sprießen aus dem Boden, und sogar eine eigene Flagge wird entworfen.

Das wirkt auch bis heute nach, Esperanto ist immer noch ein Thema in Kelmis , man kann immer noch Kurse dort besuchen, es wird teilweise sogar an Schulen gelehrt, es gibt ein Lied, Kelmis heißt auf Esperanto Amikejo, hört sich auch sehr schön an, drückt Freundschaft aus, und es gibt sogar einen Amikejo-Marsch in Esperanto.

Die Esperanto-Euphorie und der Geist der Völkerverständigung werden mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der völkerrechtswidrigen Besetzung des neutralen Belgien durch das deutsche Militär jäh gestoppt. Für die wehrpflichtigen Bewohner von Neutral-Moresnet hat der Kriegsbeginn teils absurde und fatale Konsequenzen.

Es gibt Familien im Ort, wo z. B. die Tochter einen Belgier geheiratet hat, also eine deutsche Familie, die Tochter heiratet einen Belgier, 1914 wird der Sohn, Preuße, einberufen und der Schwiegersohn, Belgier, einberufen, und beide stehen sich dann in Flandern gegenüber. Solche Fälle, die waren natürlich hart in den Familien, und nach dem Krieg hat es auch einige Zeit gedauert, ehe man den Preußen alles verziehen hat.

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges verschwindet Neutral-Moresnet von der Bildfläche.

Damit wir wissen, won und wie wir historische Spuren suchen sollen, wollen wir zuerst das Göhltal-Museum besuchen. Doch ach: es ist wegen Umbau und Umzug geschlossen. Wir sind daher bei der durchaus hügeligen Wanderung auf teils schmalen Pfaden auf uns selbst angewiesen. Wir finden immerhin:

  • Einen schönen Panoramaweg südlich von Kelmis, teils über Weiden und Wiesen
  • einen alten Grenzstein
  • einige kleine Halden
  • den aufwändigen Schießplatz "Sebastian" des Schützenvereins mit Instrukionen zum obligatorischen Kirchbesuch mit anschließender Preisverleihung aus dem Jahr 20011
  • einen still gelegten, inzwischen weitgehend bewaldeten Tagebau; es bleibt unklar, ob dies wirklich  eine Galmei-Grube war
  • ein kleines Denkmal für die Arbeiter der Mine auf dem Galmei-Platz
  • die gerade lautstark laufende traditionsreiche Kirmes mit Foto-Ausstellung zu ihrer Geschichte
  • die ex-Direktion der Bergwerksgesellschaft Vieille Montagne direkt neben dem kleinen Umsteigebahnhof von der Stichbahn nach Herbesthal und der Tram nach Aachen - beide Strecken sind verschwunden; die beiden unmittelbar benachbarten  Geäude werden umgebaut zum neuen Standort des Göhltal-Museums und sind heute am Monumententag zu besichtigen
  • im Garten hinter den Gebäuden womöglich ein ex-Zinkofen
  • das Nasenschild einer Kneipe mit einem Gemälde des Kinderprinzengespanns 2017.

Abschluss im kleinen Restaurant an der Kirche mit deutscher und französischer Speisekarte. In der französischen Version konnte das rheinische Gericht "Himmel op Ärd" nicht übersetzt werden, wohl aber die Currywurst: "Saussice Curry". Außerdem gibt es Pralinen vom "Maitre Chocolatier Axel Hanf".

Der nächste GLOW Nr. 171 am 08.10.2017 "klassisch" in der Region Luik; Will macht Vorschlag.

Fotos

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Park in Plombieres-Neu-Moresnet
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Hügel-Landschaft in Plombieres-Neu-Moresnet
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Verbauter Weg in Plombieres-Neu-Moresnet
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Park in Plombieres-Neu-Moresnet
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ex-Halde in Plombieres-Neu-Moresnet
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Schiessplatz in Plombieres-Kelmis
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ex-Tagebau in Plombieres-Bouy
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Wald in Plombieres-Bouy
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Kirmes in Plombieres-Kelmis
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Verbautes Dorfbild in Plombieres-Kelmis
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ex-Bahnhof und Grubenverwaltung in Plombieres-Kelmis
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Gag-Schild in Plombieres-Kelmis

 

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Dank an BlackWilli(GPS-Track-Analyse.NET) und F. Schmidt (GEOSetter)

 

 

 

© 2014 GLOW  Stand: 13.09.17                Dank an