Menschen auf der Kurischen Nehrung

(c) 1997AUF DER HOHEN DÜNE BEI NIDDEN (KURISCHE NEHRUNG)

Ich bin kein wildes Mädchen mehr
Heimatfilm von der Kurischen Nehrung

"Ich bin ein Eremit. Ja, weil ich viel alleine bin. Und manchmal ist das nicht so schön, allein zu sein. Aber wenn ich dann so richtig nackig bin, da braucht keiner sein.
Du gehst spazieren und du denkst an nichts. Denkst nur an deinen Spaziergang und dann denkst du auch, dass der Spaziergang lang ist, der Weg ist lang. Dann fängst du aber an, zu denken, zu...also ich sag´ immer: Ich schreib´ immer in Gedanken. Einen Brief, oder einen ganzen Bericht, denkst du. Dann denk´ ich manchmal: Wenn ich jetzt nach Hause komme, da setzt´ ich mich hin und da schreib´ ich das wirklich. Aber dann hab´ ich doch nicht die Kraft und dann tu´ ich das doch nicht. Deshalb, denk´ ich, es müsste so eine Vorrichtung geben, dass Gedanken aufgezeichnet werden. Aber das gibt es noch nicht." (Elisabeth in Ich bin kein wildes Mädchen mehr, 1997)
AUF DER HOHEN DÜNE BEI NIDDEN (KURISCHE NEHRUNG), 1997





"Ich bin kein wildes Mädchen mehr", Synopsis
Es war einmal, so beginnen Märchen, so schloss meine Mutter bisweilen, wenn sie uns Kindern von ihrer Jugend in Nidden erzählte, und meinte damit, dass es zu Ende sei. Wie erinnert sich ein Mensch, wenn er auf einmal in seiner Jugend seine Heimat verlassen musste und fünfzig Jahre nicht mehr dorthin zurück konnte, und an was? Gibt es Heimweh nach der Jugend? Der Film gibt ganz persönliche Antworten auf diese Fragen die dennoch für viele zutreffen mögen." (Helmut Schulzeck) Der Filmemacher hat seine Mutter nach ihrer Vergangenheit befragt. Sie wurde als zweites Kind einer Fischerfamilie 1923 in Nidden auf der Kurischen Nehrung geboren und wuchs dort auf. 1945 musste sie von dort fliehen und kam nach Schleswig-Holstein, wo sie heute noch lebt. Im Sommer 1997 und im Winter 1998 unternimmt Elisabeth Schulzeck für diesen Film Erinnnerungsreisen zu ihrer Jugend in ihre Heimat, die heute zu Litauen gehört.


Ich bin kein wildes Mädchen mehr
D1999, Beta SP, gedreht auf Mini-DV; Regie und Produktion: Helmut Schulzeck;
Kamera: Frank Fiedler; Buch: Helmut Schulzeck; Bild/Schnitt: Kai Zimmer; Ton: Marc Witt, Helmut Schulzeck; Filmmusik: Karsten Schnack;
Produktion Helmut Schulzeck Filmproduktion;
Gefördert mit Mitteln der Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein e.V.



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(c) 2002/ Helmut Schulzeck

Film über den litauischen Künstler-Philosophen Eduardas Jonušas

Tiefe Wurzeln. Eduardas Jonušas und die Kurische Nehrung

Im August 1997 drehte ich mit meiner Mutter, die 1923 als Tochter eines Fischer in Nidden geboren wurde und dort bis Weihnachten 1944 aufwuchs, einen Dokumentarfilm über ihre Kindheit und Jugend auf der Kurischen Nehrung („Ich bin kein wildes Mädchen mehr“, 1999). Wir trafen Eduardas Jonušas, weil er den einzigen Kurenkahn in Nida besaß und wir unbedingt auf diesem Keidelkahn drehen wollten, den er bekanntlich nachgebaut hatte. Eduardas hat trotz seiner zurückhaltenden Art besonders zu meiner Mutter sofort ein selbstverständliches Zutrauen gefasst, vielleicht weil sie eine alte Kurin war, und war deshalb, so schien es mir, uns gegenüber für seine Verhältnisse sehr entgegenkommend und offen. So entstanden im jenem Sommer und ein paar Jahre später wunderbare Aufnahmen mit Eduardas auf seinem Kahn, die ahnen lassen, dass er mit seinem urwüchsigen Wesen und seiner starken Art ein Seelenverwandter der ursprünglichen Bevölkerung der Nehrung, der Kuren, war.

Als wir im darauffolgenden Januar noch einmal für unseren Winterdreh in Nida waren, verbrachten wir fast jeden der langen Abende in seinem gemütlichen Atelierhaus. Wir tranken Schnaps mit darin aufgelösten Bernstein und filmten alle seine Bilder im Obergeschoß. Er erzählte uns von seinem Leben, seinem harten Schicksal in der Nachkriegszeit und seiner Malerei, deren Kunst sich besonders in den apokalyptischen Zyklen offenbart. So reifte bei uns (meinem Kameramann Frank Fiedler und mir) der Plan, einen Film über ihn zu machen. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich die Finanzierung dafür zusammen hatte und wir an die Realisierung treten konnten. Entstanden ist so der 65-minütige Film „Jonušas – Himmel und Hölle sind mein“ (2004), meines Wissens der ausführlichste Dokumentarfilm, der seinem Leben und Schaffen gerecht zu werden versucht.

Eduardas wusste viel über die ursprünglichen Bewohner der Nehrung, hatte so ihren alten Fischerfriedhof restauriert, war tief in die Volkskunde der Kuren mit ihren Sitten und Gebräuchen eingedrungen, hatte sich nicht nur die litauische Sagenwelt der Neringa erschlossen, sondern auch die kurischen Geschichten mit all ihrem Aberglauben. So sagte er mir während unserer Dreharbeiten, als ich ihm von meiner ziemlichen abergläubischen Urgroßmutter und dem Lehrer meiner Mutter erzählte, der Spukgeschichten sammelte: „Ja die Kuren hatten verschiedene Legenden und Märchen und Lieder, sie hatten alles. Nur, dass sie später nicht mehr gesungen haben. Aber sonst, früher sangen sie.“

Ich erzählte ihm aus einer kurischen Geschichte von einem Wesen, von dem man sagte, dass es aus einem siebenjährigen Hahnenei ausgebrütet werden sollte. Dann würde ein kleiner Geist ausschlüpfen und wäre einem auf ewig zu Diensten. Eduardas erwiderte: „Kuren haben solche Legenden. Die kannten aber überhaupt keine Eier. Sie brüteten ein Fohlen auf einem Kohl im Sitzen aus. Das war so eine Legende. Da hier niemand den Boden bearbeitete, wussten sie vieles nicht.“

Ein Credo über seine geliebte Nehrung und sein Verhältnis zu ihr gibt Eduardas gegen Ende des Filmes „Jonušas - Himmel und Hölle sind mein“ ab:
„Na, ich wünschte, dass die Neringa so, wie sie ist, mit der Leinenkleidung bleiben würde und nicht mit Nylons, dass man sie nicht zu viel ausschmückt, dass man sie nicht zu viel schminkt, sondern dass man sie so lässt wie ihre Natur ist. Nein, sie ist sehr spröde. Nicht jeder Schmuck passt zu ihr. Man darf sie nicht mit irgendwelchen Diamanten schmücken. Sie hat ihren eigenen Schmuck, eigene Bernsteine.

Die alten Bewohner waren wie die Kleidung der Neringa, sie passten zu ihrem Körper. Die jetzigen Bewohner sind wie Fremdkörper. Sie sind wie Nylonkleidung, die zur Neringa nicht passt. Sie verschmelzen nicht mit dem Körper. Es gibt die Liebe nicht mehr, die die Alten hatten. Die Kuren, die hier lebten, waren untrennbar mit der Neringa verbunden.

Die Menschen werden immer reicher. Das Geld hat die Macht. Sie kaufen oder mieten ein Grundstück und bauen was sie wollen. Es gibt niemand mehr, der das kontrolliert und verbietet. Nicht von uns hängt das doch ab, was jetzt passiert. Es gibt die Reichen, die das Alte langsam vernichten, erdrücken. Und wir verlieren langsam das alte Gesicht der Neringa .“

Und etwas später sagt er über die Nehrung und sich:
„Sie ist mir wie ein Heimatland, wie eine echte Heimat. Ich bin mit der Natur, mit allem verwachsen. Ich habe mich der Natur und allem angepasst. Es scheint mir, dass auch die Natur sich mir angepasst hat. Hier sind die Bäume vom Wind erzaust. Ich bin auch vom Leben zerzaust. So sind meine Gemeinsamkeiten mit der Neringa. Meinem echten Zuhause. Und tiefe Wurzel. Tiefe Wurzeln, tief in den Sand gewachsen.

Ich dachte oft, vieles verschweigen zu müssen, habe das aber nicht hingekriegt: zu viele Hindernisse liegen auf dem Weg. Ich kann sie nicht umgehen, etwas in meinem Innern reißt ab, und ich erkenne mich nicht wieder. - Falls ich etwas aus mir heraus werfen könnte, würde das Leben vielleicht einfacher erscheinen, leider bin ich wie das Bächlein: alles, was auf meinem Weg liegt, ist mein.

Deshalb träume ich oft von der reinen Strömung, auf deren Grund ich eine Blumenwiese und eine Herde weiden sehe. Ich dringe in die Tiefen des Bächleins ein, es ist immer so schön mit ihm, ich lasse mich von der Strömung treiben und atme ihre Reinheit. Nach solchen Träumen fühle ich mich erleichtert wie nach einer Beichte.“

Helmut Schulzeck


"Ich wurde in die sowjetischen Armee eingezogen. Und ich geriet, ich weiß nicht warum, in die Offiziersschule, nach dem Wuchs, nach dem Aussehen. Dort sollten die Offiziere für China ausgebildet werden. Und ich hielt mich da ein Jahr auf. Ich hatte schon die Regimentsschule beendet, ich hatte schon den Rang des jüngeren Leutnants. Und es wurden Daten vom Sicherheitsdienst in Stalingrad gesammelt, über meine Vergangenheit in Deutschland, dass der Vater und drei Bruder spurlos verschwunden sind. Es wurde beschlossen, dass ich ein Spion bin. Und sie haben angefangen, mir den Prozess zu machen, um mich in ein Lager einzusperren." (Eduardas in Jonušas - Himmel und Hölle sind mein , 2004)

Eine Besprechung des Films findet sich hier: www.infomedia-sh.de/aktuell...


„Jonušas – Himmel und Hölle sind mein“, Synopsis
Eduardas Jonušas, ein litauischer Maler, Bildhauer, Künstler-Philosoph und Poet auf der Kurischen Nehrung. Geboren 1932 kam er als Elfjähriger aus Litauen mit seiner Familie in die Nähe von Berlin, mit 13 Jahren verlor in den Nachkriegswirren Vater und drei Brüder und irrte 1945 durch Pommern, Polen und Ostpreußen heim nach Litauen. 1947 sah er zum ersten Mal die Kurische Nehrung und war fasziniert. 1951 wurde er in die Rote Armee eingezogen. Bald entdeckte die Militärjustiz, dass er in Deutschland gewesen war und verurteilte ihn zu 25 Jahren Gefängnis und fünf Jahren Verbannung nach Sibirien wegen „antisowjetischer Agitation“.

Fünf Jahre musste er in den Gulag. Dann wurde er unter strengen Auflagen begnadigt. Seit Anfang der 60er Jahre gelang es ihm trotz erheblicher Widerstände der sowjetischen Behörden immer wieder, auf die Kurische Nehrung nach Nida (ehemals Nidden) zu kommen, in das er schließlich zu Beginn der 70er Jahre überzusiedeln durfte. Dort baute er sich ein eigenes Atelier, das ihm bis heute als Werkstatt und Ausstellungsraum zugleich dient.

Der Film erzählt gemeinsam mit Jonušas noch einmal Stationen seines Lebens, besucht Schauplätze seiner Geschichte und taucht so in ein ungewöhnliches aber dennoch auch zeittypisches Schicksal ein. Schauplätze sind: seine Heimat auf dem litauischen Festland im Kreis Mažeikiai, der Oderbruch unweit von Berlin, in dem er von 1943- 45 lebte, das KGB- Gefängnis in Kaunas, in das er in den 90er Jahren nach der „Wende“, wie in einem Albtraum noch einmal zurückkehrt und die Kurische Nehrung, seine heutige Heimat für ein Leben in Kunst und fortwährender Aufarbeitung nicht nur seiner Geschichte.

Das künstlerische Schaffen von Jonušas in Malerei und Bildhauerei (mit Holz und Metall), seine mündlichen Erinnerungen, die ihn prägende Natur der Kurischen Nehrung und seine von Spiritualität und Zeitkritik geprägte Weltanschauung sind inhaltliche Grundlagen für die Umsetzung des Stoffes. Ebenso seine poetische Autobiographie „Hund ist auch Mensch“ (Melina-Verlag, Ratingen 2001).

Jonušas - Himmel und Hölle sind mein
D 2004, 65 Min, Beta SP, gedreht auf Mini-DV; Regie und Produktion: Helmut Schulzeck; Buch: Helmut Schulzeck, Frank Fiedler; Kamera: Frank Fiedler, Helmut Schulzeck; Ton: Michael Carstens; Schnitt und Tonmischung: Frank Fiedler; Musik: Karsten Schnack; produziert in der Filmwerkstatt Schleswig-Holstein, Kiel; gefördert von der MSH - Gesellschaft zur Förderung audiovisueller Werke in Schleswig-Holstein mbH
und der Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein.