Auszug aus einer Rede zur Kunst-Ausstellung “Selbstverständlich ist hier gar nichts”

im Rahmen der Matineereihe “Menschenrechte”

im philosophischen Institut LOGOI

 

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Warum Kunst? Was kann sie, in der Auseinandersetzung mit dem Thema “Menschenrechte” bewirken?

 

Kunst ist kein Gegenpol, gar eine Kritik an der Vernunft, sie ist jedoch in der Lage, uns bildlich vor Augen zu führen, dass die Vernunft nicht an den Grenzen des gewöhnlichen Begreifens endet.

Es gibt eine Vernunft über unser Von-Selbst-Verständnis hinaus.

Daraus könnte man jetzt schlussfolgern, es gäbe einerseits eine offensichtliche Vernunft, die sich aus der Naturwissenschaft herleitet und in erster Linie durch Worte kommuniziert wird, während andererseits die Kunst Transzendentes in unsere Lebenswirklichkeit hinein spiegelt.

Nein, so einfach ist es nicht: Kunst ist selber Wirklichkeit!

Sie zeigt sich ganz direkt und sie ist dabei in der Lage, sichtbar zu machen, was wir ohne sie nicht erkennen konnten. Und wenn wir uns ihr öffnen, kann das ein empirisches Erlebnis sein.

 

Fünf Künstlerinnen sind angetreten, auf ihre Weise verständlich zu machen, was man mit gesprochener Sprache so kaum ausdrücken kann, Dinge, die sich nicht von selbst verstehen.

Anhand der Bilder und Objekte erleben wir hier ganz besondere, sehr individuelle Perspektiven, Auseinandersetzungen mit Menschenrechtsverletzungen, die rund um den Globus stattfinden, jedoch nicht als einfachen Blick von Außen, denn was die Künstlerinnen verarbeiten, sind Geschehnisse, die sie persönlich bewegen und auch emotional berühren.

 

Dabei sind es nicht unbedingt Erkenntnisse, die sich in ihren Werken widerspiegeln und die sie uns mitteilen wollen, sondern oftmals auch Fragen, die sich die Künstlerinnen selber stellen. Sie zeigen mit ihren Werken mitunter die Unbeholfenheit auf, in der wir uns vielleicht auch selber gefangen sehen. Das heißt also, die Künstlerinnen machen uns nichts vor, sondern nehmen uns mit in ihre Bildersprache, lassen uns teilhaben an der Weise, wie sie auf bestimmte Verhältnisse reagieren.

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Warum entscheiden sich Künstlerinnen, auf dieses schwierige Thema einzugehen, obwohl ihre Entscheidung, Kunst zu machen, ja eine ganz andere, eine ganz persönliche Motivation hat, während der Gegenstand, dem sie sich hier widmen, eher einer, sagen wir journalistischen Sprache vorenthalten scheint?

 

Vielleicht lässt sich das so erklären:

Der Mensch wendet sich nicht mit dem, was er ist, an die Welt, sondern mit dem, als was er erscheint. Dieses Erscheinen ist das Medium zwischen dem Selbst-Sein und dem, wie man in die Welt tritt, wie man auf die Umwelt reagiert und sich in ihr eingliedert.

Indem ein Mensch gewählt hat, Künstler zu sein, will er sich natürlich auch darüber in die Welt setzen, will er nicht Kunst alleine der Kunst wegen betreiben, sondern mit ihr auch ausdrücken, was ihn zutiefst bewegt.

 

Inbegriff der reinen Kunst wäre, wenn ein Künstler sich über sein Arbeiten, - von innen heraus, kompromisslos in das Leben wirft und das, was er tut, nicht am Bewusstsein der Gesellschaft misst.

Dass das nur ein theoretisches Modell ist, liegt auf der Hand. Nein, er muss immer auch den Zwiespalt annehmen, ein Stück Sprache der anderen anzunehmen, um seine Kunst und die Inhalte dahinter auch vermittelbar, verständlich zu machen.

 

Die Künstlerinnen verschlüsseln ihre Botschaft also nicht bloß nach ihrem eigenen Verständnis,

sie gehen auf ihr Publikum zu, indem sie einen Konsens im Verstehen bestimmter Bildersprachen voraussetzen. Es ist demnach nicht beliebig, was die Künstlerinnen, und wie sie es erschaffen.

 

Allen Künstlerinnen ist gemein, dass sie mit dem arbeiten, was sie in ihrem Alltag vorfinden, ob es reale oder virtuelle Fundsachen sind, mit denen sie ihre Bilder und Objekte gestalten.

Hinzu kommt dann eine weitere Dimension: die emotionale Komponente.

Vermittelt durch die Medien, die alltäglich auf uns einwirken, kommen wir mit Geschehnissen in Berührung, die uns, auch ohne sie an der eigenen Haut zu erleben, empathisch ergreifen und dadurch zum Teil unseres Seins werden.

Wenn uns die Künstlerinnen mit ihrer Verarbeitung von Menschenrechtsverletzungen konfrontieren, geht es also nicht hauptsächlich um eine sachliche, akademische Auseinandersetzung mit der angesprochenen Problematik, sondern um eine Beschäftigung mit sehr persönlichen Betroffenheiten. Ihre Kunst, die daraus erwächst, verhilft uns die zu einem Denken, das über die Beurteilung von Fakten hinausgeht, zu einem selbstständigen Denken, das uns zu begreifen lehrt: Selbstverständlich ist hier gar nichts.        

 

…”