Rezensionen KdI

 

Sprich nicht schlecht vom Menschen.

Er sitzt in dir und belauscht dich.

Jerzey Lec *

* Lec, J. : Unfrisierte Gedanken, München 1964/  Bildausschnitt: E. Nolde, Pierrot und weiße Lilien

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Renate Schernus, Die Kunst des Indirekten

Plädoyer gegen den Machbarkeitswahn in Psychiatrie und Gesellschaft

Rezensionen von:

Michaela Hoffmann

Thomas Feld

Cornelia Schäfer

Rezension von Michaela Hoffmann

Umwege –  eigene Wege

Um es vorweg zu sagen: Dies ist ein politisches Buch.
Der kleine Paranus-Verlag der Brücke Neumünster hat sich schon in der Vergangenheit das Verdienst erworben, in sein kritisches Verlagsprogramm auch Titel aufzunehmen, die sich mit der zunehmenden Ökonomisierung der Gesellschaft und ihren Folgen auseinander setzen (Meyer u.a., Hg.: Der Mensch ist kein Ding!, 1996; Blume u.a., Hg.: Ökonomie ohne Menschen – Zur Verteidigung des Sozialen, 1997;). In Zeiten, wo – wie mir scheint – kleine Verlage (auch im psychosozialen Bereich) zunehmend den Vermarktungsschancen ihrer Titel Priorität einräumen, denn auf ambitionierte und kritische Inhalte zu setzen und auch die psychiatrische Arbeit mehr und mehr von Kosten- und Effizienzdenken geprägt wird, sind mir Bücher zu o.a. Thematik besonders wichtig. Der vorliegende Aufsatzband ist ein Beispiel dafür.
Die Autorin Renate Schernus, Diplompsychologin, und Ende September 2000 nach über 30-jähriger Tätigkeit in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden, hat in zahlreichen Vorträgen vielerorts und auch auf DGSP-Tagungen immer wieder ihre kritische Stimme erhoben, unbequeme Fragen gestellt und noch unbequemere Antworten gegeben. Als Redaktionsmitglied der „Sozialpsychiatrischen Informationen“ trägt sie seit vielen Jahren entscheidend zum Profil der Zeitschrift bei. Mit dem vorliegenden Band liegt nun zum ersten Mal eine Sammlung ihrer „Streitschriften“ vor.
Anregend und bereichernd, dazu spannend und mit subtilem Sprachwitz geschrieben, hat mich die Lektüre des Buches „Die Kunst des Indirekten“ von Renate Schernus von Anfang an gefesselt.
In zehn Beiträgen behandelt die Autorin aktuelle philosophische und psychiatrisch-therapeutische Fragen und stellt sie in einen gesellschaftspolitischen Kontext.
Eines ihrer Hauptthemen ist die Frage nach der Ambivalenz des Fortschritts und der Macht der Wissenschaft. C.G. Jungs Feststellung von 1931, „dass jeder Fortschritt im Äußeren auch eine sich stetig steigernde Möglichkeit einer noch größeren Katastrophe erzeugt“, wird lebendig in ihren Ausführungen zum Utilitarismus, zur Sterbehilfediskussion und in der Schilderung „Entgleiste Gesellschaft – ein Anstaltsschicksal zwischen 1933 und 1943“.
Die Autorin warnt vor jeglicher Wissenschaftsgläubigkeit: „Die ›Veränderungsbeschleunigung‹ (O. Marquard) der Moderne nimmt uns den Atem“ und der einzelne Mensch – so Schernus weiter – ist überfordert, die Gesamtwirklichkeit wahrzunehmen und ist es zunehmend auch in seiner moralischen Urteilsfähigkeit.
Sie tritt der Huldigung neuer „Denkgötzen“ entgegen, die im Auftrag von Medizin und Technik den theoretischen Überbau liefern für eine Entwicklung, in der der Begriff „Ethik“ zweckdienlich angepasst und zurechtgebogen wird. In all ihren Beiträgen hinterfragt sie eingefahrene Denkmuster und begibt sich – oft experimentell und spielerisch – auf die Suche nach neuen Wegen, entwickelt eigene Modelle ethischer Leitbilder.
Besonders gut hat mir ihr Beitrag über die „Kolonisierung des Denkens durch Veränderung der Sprache“ gefallen. Mit leiser Ironie durchforstet Renate Schernus die Psychosprache, analysiert, inwieweit beispielsweise „marktorientierte Worte“ oder „Worte mit Atomisierungstendenz“ Eingang gefunden haben in die Psychiatrie, und legt überzeugend dar, warum der psychisch erkrankte Mensch eben kein „Kunde“ ist, auch wenn eine nach Effizienz und Modernität strebende Psychiatrie ihn so sehen möchte.
Wohltuend auch, dass hier jemand unerschrocken darangeht, dem „Fortschritt“ in der Psychiatrie auf den Zahn zu fühlen und die aktuellen Qualitätssicherungsdebatten, die verfeinerten Kontrollinstrumentarien und Zeitmodulrechnungen in der Psychiatrielandschaft kritisch zu hinterfragen. Wer tut hier was zu wessen Nutzen? Hängen wir Effektivitätsdogmen an, die unseren Blick für die Wirklichkeit trüben? Laufen wir nicht Gefahr, uns und unsere Mit-Menschlichkeit zu verlieren in hoch technisierten Arbeitsabläufen und künstlicher Sprache?
Achtung! Diese Lektüre erzeugt Nebenwirkungen, vermittelt, dass es Sinn macht, zu zweifeln, weckt konzentrierte Nachdenklichkeit, Mut zum Aufbegehren – und das alles gelingt der Autorin wohl auch deshalb so gut, weil uns niemals der erhobene Zeigefinger droht.
Denn Renate Schernus befragt immer wieder auch sich selbst, ringt um Antworten, bejaht Unvollkommenheit und ist sich der Grenzen der eigenen Profession, des eigenen Handelns bewusst.
Hier wird jeder Absolutheitsanspruch verworfen, Berechenbarkeit und Perfektion misstraut. Stattdessen fordert sie den „Mut zur präzisen Undeutlichkeit“, und diese „erwächst aus zwischenmenschlicher Beziehung, Kontemplation, Meditation, Poesie und religiöser Erfahrung“.
Was die Autorin damit meint und dass die von ihr beschriebene „Kunst des Indirekten“ in der Begegnung mit psychisch erkrankten Menschen lebendig werden kann, lässt sich eindrucksvoll nachvollziehen bei der Lektüre der vier Aufsätze, in denen sie ihre Arbeit als Therapeutin schildert. Ob sie z.B. in „Vorsicht Wahnverdacht“ ihre Erfahrungen in der Psychotherapie mit psychoseerfahrenen Menschen beschreibt oder sich in „Verschwiegenes im Fremden“ zur religiösen Thematik im Psychoseerleben äußert – immer spiegelt ihre Sprache eine enge Verbundenheit mit psychisch erkrankten Menschen und einen großen Respekt vor ihrem „Anderssein“ sowie – und das macht die Lektüre immer wieder vergnüglich – eine von hintergründigem Humor getragene kritische Selbstwahrnehmung.
Am Ende des Buches angelangt, blättere ich noch einmal zurück zu einem Kapitel mit der Überschrift: „Schuld und Freiheit – Zur Bedeutung von Schuldzuschreibungen in der Psychiatrie“.
Hier wird deutlich: Immer waren die in der Psychiatrie agierenden „Helfer“ auch Kinder ihrer Zeit. Und die meisten waren wohl überzeugt, das jeweils „Richtige“ zu tun. Psychiatrie bedeutete und bedeutet immer auch Schuldzuweisung und Gewaltanwendung. Die Schuldigen wechseln, die Gewalt ändert ihr Gesicht. Auch heute sind wir überzeugt, das ›Beste‹ zu tun. Und mir bleibt die Frage: Was wird man in 50 Jahren über eine Psychiatrie sagen, die uns heute fortschrittlich erscheint?


Michaela Hoffmann / Köln

Soziale Psychiatrie 3/2000

Rezension von Thomas Feld


Was ist das für eine Kunst, die Kunst des Indirekten? Die Aufsätze, die Renate Schernus unter diesem Titel herausgibt, kreisen um Glück, Sinn, Begrenztheit, Schuld, um Gott, um Lebenswege, gewundene und krumme und um vergessene Tugenden wie Aufmerksamkeit und Geduld. Die Kunst des Indirekten – sie ist Lebenskunst und somit Ethik im besten Sinne. Dass sich auf Glück nicht geradewegs abzielen lässt, dass sich der Sinn eines Lebens eher nebenher einstellt, dass Umwege oft verlässlicher zum Ziel führen als gerade Wege, und dass das Überhörte, abseits Liegende, an dem man leicht vorbeigeht, oftmals wichtiger ist als das angepeilte Ziel – solche Einsichten liegen der Kunst des Indirekten zugrunde. Vielleicht sind das - wie alle überzeugenden Gedanken? - einfache, schlichte Einsichten. Ungeheuer spannend jedoch ist, wie Renate Schernus sie in gegenwärtige ethische und psychiatriepolitische Debatten einbringt. So ist Die Ermordung eines Prinzips – einige Gedanken zum Utilitarismus am Beispiel des Raskolnikoff einer der besten Beiträge zur Debatte um Bio-Ethik und Utilitarismus die ich gelesen habe. So verrät Verschwiegenes im Fremden – zur religiösen Thematik im Psychoseerleben noch bevor das Thema Religion und psychische Erkrankung seinen gegenwärtigen Boom erlebte etwas von der Neugier und dem Mut der Autorin, sich auch abseits liegender, tabuisierter Themen anzunehmen. Und so spiegelt der Beitrag Abschied von der Kunst des Indirekten? – Umwege werden nicht bezahlt den verhaltenen Zorn der Autorin angesichts der Mythen von Unternehmenskultur, Marktpolitik und Qualitätssicherung, die gegenwärtig den sozialen Bereich überfluten. Alle in diesem Band versammelten Aufsätze zeichnet aus: ihr Stil ist klar, deutlich, gut zu lesen. Man spürt das Feuer im Bauch, mit dem die Autorin in brisante Debatten eingreift, sowie die Neugier, die Freude und den Humor mit denen sie der Buntheit menschlichen Lebens begegnet. Dass diese Buntheit und Fülle, ja das Leben der Menschen selbst bedroht ist, wo Menschen in direktem Zugriff und geradewegs auf noch so erstrebenswerte ethische, gesundheitspolitische, therapeutische Ziele zugehen, lässt sich in diesem Buch lernen. Ich wünsche ihm viele Leserinnen und Leser.

Pfr. Thomas Feld, Sozialpädagoge MA

Gütersloh
 

Rezension von Cornelia Schäfer

Es ist heutzutage wohl tatsächlich eine Kunst, gegen die ehrgeizigen Pläne der mit Forschungsmitteln verwöhnten Bio- und Medizinwissenschaften anzutreten. Allzu verführerisch erscheint vielen ihre Vision eines entschlüsselten Menschen, der dank gentechnischer Erkenntnisse künftig nicht mehr leiden müssen soll. Allzu stark auch die Allianz aus karrierebewussten Wissenschaftlern, wendigen Ethikern und finanzkräftigen Konzernen, der die Psychologin Renate Schernus nun allerdings einen “Machbarkeitswahn” attestiert. Natürlich sei es wissenschaftlich legitim, nach dem stofflichen Korrelat der milliarden- und abermilliardenfachen Erscheinungsformen der lebendigen Natur zu suchen, räumt sie ein. Zu einem fatalen Irrweg werde das erst dann, wenn das Vorgefundene als ausreichende Erklärung für komplexe biologische und psychosoziale Erscheinungen angesehen werde. Denn dieser naturwissenschaftliche Blick reduziere den Menschen auf eine sechs Fuß lange Aneinanderreihung verschiedenster Atome, verleite zu der Illusion, man könne hier zum Guten eingreifen oder zumindest doch Schlechtes aussondern und öffne letztlich Euthanasiebefürwortern wie dem sogenannten Bioethiker Peter Singer Tür und Tor.
So weit, so bekannt. Was das Buch von Renate Schernus über ihre zutreffende Analyse hinaus unbedingt lesenswert macht, ist die Art, wie sie in der Auseinandersetzung mit den Menschheitsbeglückern aus den Forschungslabors zugleich sehr eindringlich den Raum für ein anderes Denken öffnet. Wem würde es beispielsweise einfallen, eine Krankheit mit dem Begriff "glücken" zu verbinden? Die Psychologin, die lange Jahre leitend in der Psychiatrie in Biefeld-Bethel tätig war, tut es. Sie beschreibt einen Mann, dem in höchster persönlicher Not eine Psychose “glückte”, was ihm endlich die Hilfe zugänglich machte, die er vorher vergeblich gesucht hatte. Ihre Schilderung macht deutlich, dass Krankheit eine sogar kreative Strategie der Seele sein kann, um ein heikles Problem verschlüsselt zu benennen, um sich vor etwas noch Bedrohlicherem zu schützen oder auch nur auf die eigene Not aufmerksam zu machen. Ihr Respekt vor solchen, andere oft befremdene Umwege der Seele kommt auch zum Ausdruck, wenn sie die Schicksale von Langzeitpatienten schildert, die sie jahrelang bei der Suche nach dem eigenen Weg begleitet hat. Sie erlebte, wie lange ein Mensch stagnieren kann, bevor er sich bewegt, wie eine Suche jahrelang scheinbar nur in die Irre führen kann und dabei nach ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten abläuft. Dafür, dass solch eine Langsamkeit möglich und der dafür nötige Raum und Respekt erhalten bleiben, setzt sich Renate Schernus nachdrücklich ein. Auch im Interesse der sogenannten Gesunden, die diese Opposition gegen die unausweichlichen Zwänge der Zeit für die eigene Seelenhygiene bräuchten.
“Die Technik ist auf dem Wege, eine solche Perfektion zu erreichen, dass der Mensch bald ohne sich selbst auskommt”, zitiert sie den polnischen Schriftsteller Stanislaw Jercy Lec. Dass zu dem so verstandenen Menschsein auch sinnlos erscheinendes Leid gehört, versucht die Psychologin nicht zu beschönigen. Aber dass man eben nicht "ohne sich selbst" auskommt, das macht sie auf zugleich scharfsinnige und berührende Weise klar.
 

Cornelia Schäfer am 15.2.01 – WDR 3 “Am Abend vorgelesen”

Illustrationen  aus: "Ist Kunst verrückt?"

von Stefan Mitzlaff    Brückenschlag,  Zeitschrift für Sozialpsychiatrie Literatur Kunst

1995,  Band 11, S. 155- 163

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