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Sprich nicht schlecht vom Menschen.

Er sitzt in dir und belauscht dich.

Jerzey Lec *

* Lec, J. : Unfrisierte Gedanken, München 1964/  Bildausschnitt: E. Nolde, Pierrot und weiße Lilien

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Renate Schernus, Hausärztin im Kiez

Rezensionen von:

Hartwig Hansen

Thomas Feld

Dr. Gunther Kruse

Rezension von Hartwig Hansen

Die Lebensbegleiterin 

Also, zu diesem Buch gibt es eine schlechte und eine gute Nachricht. Welche wollen Sie zuerst hören? Ok, die gute zuerst! Sie lautet: “Ja, es gibt sie noch, die einmaligen Bücher, die, die es bei 90.000 Neuerscheinungen im Jahr wirklich wert sind, weil sie nämlich etwas wirklich Neues zum Thema machen.” Dieses Buch sucht seinesgleichen, es ist ein Original!

Und dabei war eigentlich alles ein Missverständnis. Im Psychiatrie-Verlags-Beirat tauchte irgendwann die Idee auf, etwas psychiatrisches Know-how für Allgemeinärzte herauszubringen. Und Renate Schernus verstand, es solle ein Buch werden unter dem Motto: Was können wir von den Hausärzten lernen, wie man Psychiatrie auch ganz anders machen kann?

Sie dachte sofort an ihre Freundin, die eine hausärztliche Praxis auf unkonventionelle Weise und unter höchstem persönlichen Einsatz führt und die sie in der Folge zu diesem Buch mehrfach interviewte.

Herausgekommen ist etwas ebenso Unkonventionelles: In 27 kurzen Kapiteln gelingt es Renate Schernus durch die Kunst des Direkten und des Indirekten, den äußerst bunten und mitunter nervigen Alltag in einer wirklich “gemeindenahen und niedrigschwelligen Kiezarztpraxis” lebendig werden zu lassen, in die vierteljährlich ca. 1.300 Menschen aus 45 Nationen kommen.

“Ich kann schon an der Art des Ein- und Ausatmens feststellen, wo die Leute herkommen”, sagt Anna B. “Ich hatte z.B. mal jemanden aus Grönland, der atmete ganz langsam. Am schnellsten atmen die Südtürken aus Antalya.”

Anna B. ist Beziehungskünstlerin und meint an einer anderen Stelle von sich selbst: “Vielleicht bin ich auch beziehungsgestört.” – weil sich so viele (vor allem substituierte) Patientinnen und Patienten von ihr abhängig zu machen scheinen.

Sie steht im Zentrum ihrer Praxis und ihre äußerst pfiffigen und doch so einleuchtenden Ideen im Zentrum des Buches: Sie “verkuppelt” Menschen, die Hilfe brauchen, und kreiert den “Beruf” des Situationsbegleiters.

Sie sagt: “Die schwierigsten Patienten sind die vielen Depressiven. Das hängt eindeutig mit der Arbeitslosigkeit zusammen. Von den Menschen, die in meine Praxis kommen, haben höchstens noch 30% eine Arbeit oder beziehen Rente. Und mindestens die Hälfte von denen ohne Arbeit leidet an Depressionen.”

Und sie betreut Drogenpatienten, die oft lebenslang substituiert werden müssen.

So liegt es nahe, einen von ihnen zu bitten, zu ihrer Entlastung einmal zu einer alten Frau zu schauen, um der etwas einzukaufen oder die Medikamente zu holen.

“Und wenn ich einen Drogenabhängigen habe, der sonst sehr unzuverlässig ist, wird er plötzlich ganz zuverlässig, wenn da ein Mensch ist, von dem er genau weiß, der braucht mich, der wartet auf mich.”

Anna B. hat viele Ideen. “Ich überlege immer, was macht man mit der Unruhe, unter der fast alle leiden?” Und manchmal hilft sie aus ihrem “Privat-Fonds für spezielle Maßnahmen” ein bisschen nach bei der Beziehungsstiftung.

Wie das alles konkret abläuft, sollten Sie selbst nachlesen. Es lohnt sich!

Dann erfahren Sie auch, warum Anna B. einmal mit vier Hunden  zu vier verschiedenen Weihnachtsgottesdiensten ging.

Oder wie sie ihre spätere Sprechstundenhilfe bei einem besonderen Hausbesuch kennen lernte.

Oder was sie über die Möglichkeiten und Defizite der Pflegedienste und des Gesundheitssystems zu sagen hat, denn “es kann nicht richtig sein, dass das ganze System vom Ökonomischen her so aufgebaut ist, dass die Patienten, je kränker sie sind, umso unattraktiver für Ärzte werden.”

Anna B. erzählt mitreißend und gleichzeitig bescheiden – von sich, ihrem Leben und den vielen Menschen, die sie in ihr Herz geschlossen hat: “Eigentlich ist es ein toller Beruf, so was wie ein Lebensbegleiter...”

Und Renate Schernus schreibt mit leichter Hand und erheblicher Sogwirkung.

Deshalb zum Schluss doch noch die schlechte Nachricht. Sie ist deprimierend und lautet: “Dieses Buch ist beim Lesen einfach viel zu schnell zu Ende...”

Hartwig Hansen, Dipl. Psych., Paar- und Familientherapeut, freier Mitarbeiter beim Paranusverlag

Psychosoziale Umschau 1/03
 

Rezension von Thomas Feld

Humaner Umgang

„Ein kleines Buch… eine Art Arztroman“– Renate Schernus erzählt von der Praxis einer befreundeten Ärztin, Anna B. Sie hat ihre Praxis auf dem Kiez in Berlin. Ihre Patienten sind Menschen wie in jeder anderen Hausarztpraxis auch. Darüber hinaus kommen Drogenabhängige, Zuhälter, Prostituierte, psychisch kranke und Menschen aus vielen verschiedenen Ländern. Hier tauchen, so Renate Schernus, „selbstverständlich und unentdeckt viele der Menschen (auf), um deren Versorgung andernorts – auch in der psychiatrischen Szene – sehr viel Krach geschlagen wird.“ (S.7)

Renate Schernus ist selbst Teil der psychiatrischen Szene, hat als Psychologin eine Klinik und später den Fachbereich Psychiatrie der Teilanstalt Bethel geleitet. An Anna B. fasziniert sie die besondere Grundhaltung, mit der sie ihren Patienten begegnet. Anna B. ist neugierig, immer bereit, von ihren Patienten zu lernen, sich von ihnen in ihren therapeutischen Interventionen leiten zu lassen und: sie bewahrt sehr konsequent ihren ärztlichen Standpunkt, enthält sich sozialer oder kultureller Bewertungen, vermeidet es, den Lebensstil ihrer Patienten an einer irgend gesetzten Normalität zu messen. Jedem, der kommt gehört ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Das schließt ihr das Herz ihrer Patienten auf und verleitet sie immer wieder zu Interventionen, die das übliche Handlungsschema einer Hausärztin zu sprengen scheinen: dem Mann, der mehrfach zu ihr kommt und ohne, dass sich eine Diagnose stellen ließe, über einen kalten Unterleib klagt, kauft sie eine Polar-Unterhose; für die Kinder, die in ihrem Viertel ohne Gelegenheit zu sinnvoller Freizeitgestaltung aufwachsen, gründet sie einen Fußballverein; für die Methadon-Patienten, die zur Substitution in ihre Praxis kommen, erfindet sie sinnvolle Jobs, die sie aus einem Fonds bezahlt, der sich aus einem Teil ihres eigenen Einkommens speist.

Von dieser sehr besonderen Art, Ärztin zu sein, erzählt Renate Schernus in charmanter, humorvoller Weise mit einem Wortwitz, der davon lebt, dass die beteiligten Personen selbst immer wieder zu Wort kommen. Die Faszination, die von Anna B. ausgeht, teilt sich auf diese Weise dem Leser mit. Eine spannende, kurzweilige Lektüre – mit Anregungen über die Lesefreude hinaus? Einige der unorthodoxen Rezepte der Anna B. regen direkt zur Nachahmung an, wie die Erfindung des „Situationshelfers“. Doch das Buch ist darüber hinaus anregend: Immer wieder einmal habe ich mich bei der Lektüre an meinen eigenen Hausarzt erinnert. Auch bei ihm treffe ich im Wartezimmer Menschen, die mir sonst als Psychiatriepatienten begegnen. Auch bei ihm nehme ich ein Engagement wahr, das sich wenig um reguläre Arbeitszeiten schert. Und auch bei ihm finde ich etwas von der ärztlichen Grundhaltung der Anna B. Zufall? Vielleicht. Vielleicht aber ist die Wahrscheinlichkeit doch groß, dass sich in den Praxen mancher Hausärzte, bei denen ja nach wie vor die medizinische Basisversorgung liegt, eine Form humanen Umgangs findet, der einer spezialisierten Professionalität nicht – mehr? – möglich ist. Wenn das so wäre, hätte das möglicherweise weitreichende Konsequenzen. Für die ärztliche Ethik z.B., die sich weniger mit Ausnahmesituationen als mit einer verantwortbaren Grundhaltung beschäftigen müsste; für die gegenwärtige Qualitätssicherungsdiskussion, die sich Behandlungsqualität weniger von originellen, den individuellen Erfordernissen angepassten Einfällen erhofft, als von einer Standardisierung ärztlichen Handelns. Konsequenzen schließlich auch für ein Abrechnungssystem ärztlicher Leistungen, in dem sich die Versorgung chronisch kranker Menschen immer schlechter unterbringen lässt. Solche Konsequenzen werden durch Renate Schernus nur angedeutet und stören nicht den novellistischen Charakter des Buches, der sich seiner Autorin verdankt und sich an Leser wendet, die des „wissenschaftlichen Tons bisweilen überdrüssig“ sind.
 

Pfr. Thomas Feld, Sozialpädagoge, MA, Gütersloh

Deutsches Ärzteblatt / Jg. 100 / Heft 11 / 14. März 2003

Rezension von Dr. Gunther Kruse


Obwohl Frau Schernus u.a. mit mir zusammen im Impressum der „Sozialpsychiatrischen Informationen“ steht, will ich als Rezensent das Wort ergreifen, denn wo käme man hin, wenn Bekanntschaft oder Freundschaft Rezensionen unmöglich machen würden. Also gut: Ich bin voreingenommen in mehrfacher Hinsicht! Zu erahnen, wie umfassend und wie vielfältig meine Befangenheit gegenüber Frau Schernus ist, will ich den Lesern dieser Rezension überlassen, genau genommen ist es aber gar keine, denn die Tonhöhe und Lautstärke, die ich zum erforderlichen Lobgesang benötigte, steht mir in meinen schriftlichen Äußerungsmöglichkeiten leider nicht zur Verfügung.

Das Buch hat in vielerlei Hinsicht Besonderes zu bieten. Es geht schon mit seiner Entstehungsgeschichte los. Am Anfang war hier nämlich nicht das Wort, sondern ein Missverständnis. Tatsächlich hatte Renate Schernus den Auftrag, ein Buch darüber zu verfassen, wie Hausärzte von den ach so weisen Psychiatern lernen könnten, den Patienten auch ein wenig psychotherapeutisch entgegenzutreten. Bezeichnender Weise hatte sie jedoch verstanden, ein Buch darüber schreiben zu sollen, wie denn Hausärzte ihr bereits vorhandenes Wissen, an Psychiater weiter vermitteln könnten. So verdanken wir ihrer zeitweisen „mentalen Weggetretenheit“ bei der Buchplanung dieses kurze und umso intensivere Portrait einer Ärztin, einer Freundin von ihr, im Kiez Berlins.

Die Hektik, Intensität, Mehrgleisigkeit, Unkonventionalität, Brisanz, Menschlichkeit, Ausgepowertheit dieser mustergültigen Hausärztin, die man zur Honorarpsychiaterin erklären müsste, wird von R. Schernus sprachlich und inhaltlich sehr gut lanciert, so dass man selber beim Lesen in eine gewisse hechelnde Hektik verfällt, gleichzeitig sich darüber wundert, teilweise sogar froh ist, breitgesäßig im öffentlichen Dienst eine Leitungsfunktion ausfüllen zu dürfen, dabei aber nicht im Ansatz das für die einzelnen Menschen, in der Klinik oder Ambulanz erreichen könnend, wie diese einfache Hausärztin es offenbar grandios bewerkstelligt.

Herrlich sind die vielen Beispiele unkonventioneller Hilfestellung zu lesen, teils lustig, teils erschütternd die geschilderten Patientenschicksale, immer mit einem feinen Gespür noch für das Komische im Tragischen.

Auch die Praxisstruktur sowohl von den Zimmern, der Toilette, vom Mobiliar, als auch insbesondere den Mitarbeitern (teils ehemalige Drogenabhängige) sprechen Bände und werfen gleichzeitig die Frage auf, wie es möglich sein kann, heutzutage, wo alles nach Normen und DINen zu behandeln ist und benchmarking schon für eine Krankenpflegehelferin kein Fremdwort mehr ist, wie sich also ein solches Fossil an humanitärer Ärztlichkeit überhaupt am Leben halten kann. Wenn Frau Doktor nicht einen Mann hätte, der sich mit ihrem Berufsdasein arrangiert hat, vielleicht sogar ein wenig stolz auf seine mit fliegenden Rockschößen stets auf Achse befindliche Frau wäre, dann hätte Anna B. sicher noch ein Problem mehr.

Andererseits scheint diese, sich von mehreren Seiten zugleich aufzehrende Berufsgestaltung genussvoller und lebenserfüllender zu sein, als manch anderes Dahinsiechen im Berufsalltag, bei dem man nicht in Erinnerung hat, was man in den vergangenen Wochen getan hat, nicht etwa, weil man so viel Verschiedenes, sondern praktisch Nichts oder nur Dasselbe vollbracht hat.

Wie auch immer, Frau Schernus ist es gelungen (wieder einmal), ein Buch zu verfassen, was man gerne durchliest, ohne dass man jeden dritten Satz wegen seiner Wichtigkeit unterstreichen müsste, gleichzeitig aber das gesamte Buch wegen seiner Botschaft und des rasanten Zupapiergebrachtseins aufsaugt.

Dr. Gunther Kruse, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Hannover

Sozialpsychiatrische Informationen 1/03
 

 

Geschnitten und gekippt.

Illustrationen  aus: "Ist Kunst verrückt?" von Stefan Mitzlaff,

 Brückenschlag, Zeitschrift für Sozialpsychiatrie Literatur Kunst,
1995 Band 11, S. 155- 163
 

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