Kunst des Indirekten

 

Sprich nicht schlecht vom Menschen.

Er sitzt in dir und belauscht dich.

Jerzey Lec *

* Lec, J. : Unfrisierte Gedanken, München 1964/  Bildausschnitt: E. Nolde, Pierrot und weiße Lilien

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Renate Schernus

Die Kunst des Indirekten

Plädoyer gegen den Machbarkeitswahn in Psychiatrie und Gesellschaft

Paranus Verlag Neumünster, 253 Seiten, Neumünster 2000, ISBN 3-926200-43-x

Verlagsinformation

Renate Schernus, langjährig leitend in der Psychiatrie von Bielefeld-Bethel tätig, hat in den vergangenen Jahren vielerorts ihre Stimme gegen den aufkommenden Machbarkeitswahn in Psychiatrie und Gesellschaft erhoben und legt hier erstmals die Essenz ihrer Streitschriften vor – geordnet in drei programmatische Kapitel:

Aufzählung Tatsinn vor Tatkraft – Voraussetzungen klären
Aufzählung Zuhören vor Belehren – Selbstwahrnehmung respektieren
Aufzählung Umweg vor Zielgenauigkeit – Effektivitätsdogmen hinterfragen.

Sie resümiert, konfrontiert, dokumentiert und formuliert, fast nebenbei und gar nicht resignativ, ethische Leitbilder für den Umgang mit Menschen, eben »Die Kunst des Indirekten«.
 

Rette das Ziel, triff daneben !  J. Lec

Leseprobe ( 1 )

„Sie (= die sogenannte Bioethik) stellt nicht mehr die eigentliche Grundfrage aller philosophischen Ethik, nämlich die nach dem guten, nach dem gelingenden Leben. Sie ermöglicht es, ‚würdelose‘ Fragen zu stellen, wie z. B. die des Philosophen Murphy: „Gibt es einen Grund, der unsere Überzeugung rechtfertigen könnte, dass es falsch ist, Behinderte zu töten und zu essen – gleichgültig welches Ausmaß an Nahrungsknappheit herrscht?“ (Murphy 1984, in [1])

Um solche Fragen stellen zu können, muss man prinzipiell bereit sein, bestimmte Menschen von dem, was wir Liebe und Wohlwollen nennen, das heißt von der Zustimmung zu ihrer Existenz ‚an sich‘, auszuschließen, denn wenn ich eine solche Frage einem Freund, einem geliebten Menschen gegenüber stellen würde, zerbräche die Freundschaft an der Frage selbst und nicht erst an ihrer Beantwortung. Es gibt eine ‚Obszönität‘ des Fragens, gegen die Pfeifen als Antwort äußerst unschuldig wirkt. Doch Pfeifen weder im Wald noch im Saal genügt, um der Angst Herr zu werden, die einen ergreifen kann vor den immer wiederkehrenden ‚Menschheitsbeglückern‘, die Schlimmes verhüten wollen und das Schlimmste heraufbeschwören werden: Den Verlust der Achtung vor dem Menschen, wie er ist.“

(S. 66/67) 

(...) 

„Soweit ich erkennen kann, ist das, was mich in Gesprächen mit Menschen, die Psychosen durchlebt haben, lenkt, nicht die Erkenntnis eines Problems und der Glaube, dass ich es lösen könnte. Auch gibt mir nicht irgendeine psychotherapeutische Schule verlässliche Sicherheit. Was mich leitet ist schlichter. Um verständlich zu machen, was ich mit "schlicht" in diesem Zusammenhang meine, muß ich ein Erlebnis erzählen.

Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn als Psychologin war Verhaltenstherapie en vogue. Die Kinder- und Jugendpsychiatrische Abteilung am Max-Planck-Institut, München galt als einsame Spitze auf diesem Gebiet. Ich wollte dort durch eine Zeit der Hospitation lernen. Während dieser Zeit wurde mir angetragen, mit einem kleinen Gerät, mit dem man leichte Elektroschocks austeilen konnte, ein “autistisches” Kind, welches sich das Einnässen zu Tages- und Nachtzeiten nicht abgewöhnen konnte (wollte) zu “behandeln”. Eine erfahrene Krankenschwester auf der dortigen Station lehnte die Beteiligung an dieser “Therapie” zum Unmut der leitenden Ärzte und Psychologen aus “gefühlsmäßigen Gründen”, die sie nicht weiter erklären konnte, ab. Ich nun - damals wunderbar vertraut mit dem ganzen Vokabular und in sich stringenten Denkmuster des, wie man damals sagte, “Kontingenzmanagements”- ließ mich mit rationalen Argumenten überzeugen, dass es doch immerhin besser sei, jetzt dem Kind einige unangenehme “Reize” zuzufügen, als es seiner steten Nässe, die mit sozialer Ablehnung durch die Mutter, einer unmöglichen Rolle in der Schule und manchen unangenehmen Folgen mehr verbunden sein würde. Außerdem konnte ich mich am eigenen Körper überzeugen, dass der Strom zwar unangenehm, aber nicht unerträglich war.

Dann ging’s los. Was ich nicht bedacht hatte, war, dass ich zur Teilnehmerin eines Manövers wurde, das den Charakter des “Auflauerns” und plötzlichen “Überfallens” hatte.

Unauslöschlich - als Schrecken vor mir selbst - hat sich mir der Blick des Kindes eingeprägt. Schlagartig wurde mir klar, dass ich die Beziehung zu dem Kind verletzte, dass ich, egal wer ich für das Kind war (ich war ihm nicht vertraut), eine Beziehung herstellte, die verletzend, erschreckend, lieblos “autistisch”, eben nicht bezogen war.

Das kann man zwar, sogar höchst logisch begründet machen, aber was macht man da?

Die nah mit den Kindern arbeitende Krankenschwester hat sich nicht verführen lassen. Nur eine idiotische, ehrgeizige, angeblich ganz rational denkende und diesbezüglich von der Abteilungsleitung gelobte, junge Psychologin konnte einem “Machbarkeitswahn” dieser Art erliegen.

Dieses Erlebnis hat mich übrigens, so sehr ich mich seiner schäme, nicht dazu gebracht, jede Methode abzulehnen. Aber mein Empfinden ist: der Grund, auf dem ich seither stehe, ist der Blick dieses Kindes.

Zur Erholung für Kollegen, die sich nach einer etwas "wissenschaftlicheren" Ausdrucksweise sehnen, ein Zitat, das, wie mir scheint, in dieselbe Richtung weist: “So wenig wir auf eine psychotherapeutische Behandlungstechnik verzichten können, so wichtig wird hier die korrigierende Einsicht, die uns eine anthropologische Betrachtungsweise zur Verfügung stellen kann: dass nämlich jede Technik ihre Möglichkeit und ihre Grenzen an der Struktur einer menschlichen Beziehung findet.” (16)

Ohne ausreichend tragende menschliche Beziehungen innerhalb und außerhalb von Psychotherapie helfen einzelne Methoden und Techniken nichts.“ (S.115 ff)

Leseprobe ( 2 )

Bisweilen werde ich von einem Alptraum heimgesucht: Mein Blick wird auf ein bedrohliches Bermudadreieck gelenkt, das in seinen Sog zieht, was sich ihm nähert, und es verschlingt. Über den drei Seiten des Bermudadreiecks stehen drei Überschriften.

Aufzählung Wir sind die Schöpfer des besseren Lebens und wir bestimmen seinen Beginn. Ich sehe, wie sich unter dieser Leuchtschrift Gen- und Reproduktionstechnologen tummeln.
Aufzählung Heiliger Hirntod, du erlaubst uns zu handeln. Hier ist viel technisches Gerät zu sehen. Mit Herzen, Lebern, Nieren wird hantiert. In meinem Alptraum kann ich nicht erkennen, ob mit Lebenden oder Toten, mit Menschen oder Tieren umgegangen wird. Alles schiebt sich ineinander.
Aufzählung Die dritte Überschrift trägt ein rotes Ausrufezeichen: Das Erlösungswerk liegt im Erkennen von Wert und Unwert!

Ich sehe ein zartes, verletzliches Gebilde, die Menschenwürde, die in den Sog geraten ist und sich rasend schnell dem schwarzen Schlund nähert.

Erst am Ende des Traumes fällt mir die unter Wasser liegende Mechanik auf, die von Wissenschaftlern und Ökonomen virtuos und in fein abgestimmter Zusammenarbeit bedient wird. Sie lässt den magischen Strudel entstehen, dem nichts und niemand widerstehen kann.

Von diesem Alptraum erwachend, stelle ich mir viele Fragen.

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