Hausärztin im Kiez

 

Sprich nicht schlecht vom Menschen.

Er sitzt in dir und belauscht dich.

Jerzey Lec *

* Lec, J. : Unfrisierte Gedanken, München 1964/  Bildausschnitt: E. Nolde, Pierrot und weiße Lilien

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Renate Schernus

   Hausärztin im Kiez

Portrait der Anna B.

ISBN 3-88414-319-0, Psychiatrie Verlag Bonn 2002, 136 Seiten

Verlagsinformation

Können psychiatrische Mitarbeiter von einer Hausärztin lernen? Neben all den Patienten, die in jeder Hausarztpraxis behandelt werden wie Zuckerkranke, Menschen mit Gefäßerkrankungen, Krebskranke, Migränepatienten und vielen anderen kommen zu Anna Bogailoff außerdem selbstverständlich und unentdeckt viele der Menschen, um deren Versorgung in der Psychiatrie sehr viel Krach geschlagen wird: diagnosescheue Personen aus Randgruppen aller Art.

Renate Schernus, Psychologin und jahrelang Leiterin einer psychiatrischen Klinik, hört mit Staunen, wie ihre Freundin Anna als Hausärztin ganz unspektaktulär all die Menschen versorgt, die andernorts Fälle für Spezialabteilungen und -kliniken wären. Mit einem genauen Blick auf die Person und ihre Lebensumstände findet sie Tag für Tag kreative, originelle und hilfreiche individuelle Lösungen, die auch mal in einem Verzicht auf Behandlung liegen können.

Annas hausärztliche Praxis ist auf ganz natürliche Weise das, was man in der psychiatrischen Szene als ›gemeindenah‹ und ›niedrigschwellig‹ zu bezeichnen pflegt. Staunenswert sind die Chancen, die darin liegen, und zwar besonders für eigenartige und eigenwillige Menschen, die die Psychiatrie scheuen oder umgekehrt, vor denen sich die Psychiatrie immer noch zu sehr scheut. Sicher ist Annas persönlicher Einsatz sehr hoch und ihre Arbeitsweise höchst individuell, aber – die Frage sei gestattet –, gehen nicht ansatzweise auch andere Hausarztpraxen auf bescheidene und unauffällige Weise mit einer Klientel um, das den offiziellen Vertretern der Psychiatrie ausweicht? Wenn das so ist, könnte die Psychiatrie in der Tat viel von den Hausärzten lernen.

 

 

 

Leseprobe aus dem Vorwort: 

Ich habe nicht bereut, mich auf den Bericht über Anna B. eingelassen zu haben, denn ich hörte und sah Erstaunliches, wurde immer neugieriger und immer überzeugter, dass es gerade im Zeitalter ausgeklügelter Qualitätssicherungsinstrumente wichtig sein könnte, den Blick einmal weg von den Instrumenten hin auf eine Person zu richten, die kreativ und originell Tag für Tag durch die Art ihres Umgangs mit Menschen ›Qualität erzeugt‹.

(...)

Während der Vorarbeiten zum Buch habe ich mich bisweilen hinreißen lassen, die eine oder andere der Behandlungsmethoden Anna Bogailoffs Kollegen gegenüber zu erwähnen. Die Reaktionen waren höchst unterschiedlich. Ein Psychologe fragte besorgt, ob diese Ärztin vielleicht auch irgendwie..., denn ganz normal sei das doch wohl nicht. Ein junger Arzt hörte begeistert zu: ›Tolle Frau, so würde ich auch gern arbeiten.‹ Eine Sozialarbeiterin rasterte Anna Bogailoff sofort in die Rubrik ›ausgeprägtes Helfersyndrom‹ weg. Eine Krankenschwester, erfahren im Umgang mit längerfristig psychisch kranken Menschen, bemerkte: ›Endlich mal eine Ärztin, die sich ihre Normalität bewahrt hat.‹

Leseproben aus dem Text:

„Anders als viele Menschen, die ich kenne, gibt Anna, wenn sie über ihre Arbeit erzählt, nicht an. Sie muss meines Erachtens nicht angeben, weil sie alles, was sie tut, in dem Moment, in dem sie es tut, um der Sache selbst willen und mit Lust tut. Alles, was ihr begegnet, genießt sie mehr oder minder, wird davon berührt, verletzt und traurig oder auch hilflos. Jedenfalls setzt sie sich allen Phänomenen und besonders dem Phänomen Mensch mit erstaunlich wenig Vorurteilen und wenig distanzierendem Selbstschutz aus. Ob Zuhälter, Professor, Fußballkid oder Exknasti – weil Anna keine Angst vor Menschen hat, bleibt ihre Wahrnehmung klar und genau. Und wer selber keine Angst hat, macht auch keine Angst. Ich glaube, all das ist es, was sie so beliebt macht.“

(...)

„24:30 Uhr – das Telefon klingelt schrill. Anna rappelt sich mühsam hoch. Pjotr knurrt schlaftrunken und versucht, nicht ganz aufzuwachen.

»Ja, Doktor Bogailoff. Wer ist da bitte?«

»Janzarek, bitte kommen Sie sofort, Frau Doktor. Bei mir ist – also wirklich – ein Pferd in der Wohnung. Ich komm damit nicht klar.«

Er steht ihr jetzt vor Augen, der Janzarek, ein notorischer Trinker. Er hat nur noch ein Bein und verbringt die meiste Zeit im Bett oder auf dem Fußboden. Sie denkt, Delir – was sonst?

Er wird drängender: »Bitte Frau Doktor, kommen Sie schnell. Das Biest macht mich ganz irre. Das schnaubt und scheißt. Ich hab keinen Platz für‘n Pferd. Wie es rein gekommen ist? Woher soll ich das wissen? So eine Gemeinheit!«

Anna seufzt: »Ich komme«, und legt auf.

Janzarek öffnet auf dem Boden sitzend die Wohnungstür. Hat sich zur Tür gerobbt. Anna reibt sich die Augen. Er hält ein großes Pony am Halfter. Delir? Wessen? Sie findet allmählich heraus, dass alte Saufkumpanen das Pony drei Stockwerke hoch bugsierten, nur um es dem Janzarek in die Wohnung zu schieben.“

 

   
 

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