Was soll uns diese Kunst?

Nie war sie so erfolgreich wie heute. Nie war ihr Ansehen schlechter. Notizen zur schweren Schieflage der Kunst - kurz vor Eröffnung der Kasseler Ausstellung Documenta 11

Von Hanno Rauterberg

in  der Wochenzeitschrift "Die Zeit" Ausgabe 24 / 2002
Noch ehe der Kunststurm losbraust, noch bevor am Samstag die Documenta für das Publikum öffnet, wurde der stärkste, größte, wichtigste Künstler bereits auserkoren: Okwui Enwezor. Eigentlich ist er nur der Ausstellungsleiter, soll die Teilnehmer aussuchen und kluge Interviews geben. Doch Enwezor verlangt nach Höherem: Wie die alten Avantgardekünstler will auch er den Rahmen sprengen, will alle Erwartungen, alle Fragen ins Leere laufen lassen. Und er geht noch weiter: Hatte das 20. Jahrhundert nur die Vorstellung vom erhabenen Kunstwerk und seinem genialen Schöpfer zertrümmert, strebt Enwezor nach Totalentsorgung - es soll ein Ende haben mit der Kunst.

Weil er von Begriffen mehr hält als von Bildern, hat er der Documenta eine Neugliederung verpasst, eine Zerlegung in fünf gleichberechtigte Teile. Vier dieser fünf "Plattformen" sind bereits Vergangenheit, auf ihnen versammelte Enwezor kluge Menschen an fernen Orten, um über die Mängel der Demokratie zu beraten, über das Nachwirken des Kolonialismus oder die Zukunft afrikanischer Metropolen (ZEIT Nr. 15/02). Nur über eines wurde auf den vier Kongressen nicht gesprochen: über die Kunst. Sie ist im Konzept der Documenta 11 nur ein 20-Prozent-Faktor und wird daher erst jetzt, ganz am Ende des Theoriemarathons, um ihren Beitrag gebeten. Der mächtigste Beiträger ist indes wiederum Enwezor selbst, er hat das Überwerk dieser Ausstellung konzipiert: ein vielbändiges Katalogungetüm mit einem Gesamtumfang von 2636 Seiten. Als Arnold Gehlen einst die Kommentarbedürftigkeit der modernen Kunst beklagte, konnte er nicht ahnen, dass im Jahre 2002 der Kommentar selbst zur Ausstellung werden würde. Das Reden, Schreiben, Lesen hat das Künstlern verdrängt.

Doch muss man sich deshalb keineswegs aufregen. Enwezors Neugewichtung ist durchaus berechtigt: Die alte Idee der Documenta hat sich tatsächlich überlebt. Erfunden worden war das Großprojekt 1955 als Entnazifizierungsprogramm, das den Nachkriegsdeutschen zeigte, was lange niemand hatte zeigen dürfen. Auch später blieb Kassel eine Bekenntnisstätte der Moderne, die von vielen Menschen aufgesucht wurde, weil man dort - und nur dort - ausführlich über den Zustand der zeitgenössischen Kunst informiert wurde. Just diese Einzigartigkeit hat die Documenta unterdessen verloren: Allein 2002 werden weltweit zwölf Biennalen abgehalten, ständig locken Übersichtsschauen und Messen - Kunst ist längst überall und immer. Es gibt mehr Museen, mehr Galerien, mehr Preise und mehr Künstler denn je, selbst auf der Zugspitze oder in der Tiefgarage bei Siemens in München werden Ausstellungen inszeniert. Und immer noch kommen neue Häuser und Hallen hinzu, immer öfter werden alte Meister aus den Museen vertrieben, um Platz zu schaffen für die Werke der Jetztzeit. Nie war in der Kunst mehr Gegenwart als heute.

"Wir hassen das Zeug natürlich", schrieb der britische Independent zur documenta X, "doch die Deutschen sind wirklich verrückt danach." Und sie könnten sich über erstaunliche Erfolge freuen: Anders als in der Literatur oder im Film (vom Fußball zu schweigen) darf sich Deutschland in der Kunst als Weltmeister feiern. Gregor Schneider gewann den Goldenen Löwen bei der Biennale in Venedig, Wolfgang Tillmans den bedeutenden Turner Prize in London, und den Besucherrekord hält Andreas Gursky, dessen Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art erfolgreicher war als jede andere eines Gegenwartskünstlers. Erstaunlicherweise sind die Namen der drei aber nur wenigen geläufig, sie werden nicht bejubelt, niemand ruft ein deutsches Bubenwunder aus. Die Kunst ist vielfältiger, bunter, präsenter denn je, doch bedeutet sie uns offenbar nicht viel. In ihrer Allgegenwart hat sie ihren eigentlichen Wert verloren.

Es ist nicht allzu lange her, dass man den bildenden Künsten noch zutraute, eine Befreiung des Menschen zu sich selbst auszulösen. Heute taugen sie nicht mal mehr zum intellektuellen Streit. An ihnen lässt sich keine Walser-, keine Schlossplatz-Debatte entzünden, es gibt keine markanten Wortführer. Wohl auch deshalb ist Enwezor mit seiner Documenta in die Reiche der Philosophie, der Soziologie und Politologie entflohen - der Kunst fehlt Kraft, Einfluss und gesellschaftliche Relevanz.

Zwei Gründe lassen sich ausmachen: Zum einen ist den Künstlern eine mächtige Konkurrenz erwachsen. Immer waren sie Spezialisten für das Bildhafte gewesen, doch dieses Spezialistentum wurde von einer mächtigen Flut der Bilder fortgespült. Mittlerweile hat alles ein Image, ist alles von einer Stil- und Modekruste überzogen - was braucht es da Künstler? Viel schwieriger als einst ist es heute, das Besondere zu behaupten, erleben wir doch das Außergewöhnliche lange schon als das Gewohnte. Wo früher der Künstler als Prototyp des autonomen Individuums galt, als einer, der seine Verschrobenheit pflegt und das Außenseitertum sucht, da hat sich unterdessen der Individualismus als allgemeine Lebensform durchgesetzt. Die Lust am Unterschied ist zum gesellschaftlichen Ideal avanciert.

Gleichwohl ist die Kunst nicht nur Opfer, sie ist auch Täter: Sie selbst wirkt mit an der Zersetzung ihrer angestammten Rolle. Viele jüngere Künstler wollen sich nützlich machen, wollen gebraucht und geschätzt werden und betätigen sich deshalb als Sozialtherapeuten, als Sach- und Geschichtskundler, als Schmalspurphilosophen. Dan Peterman etwa eröffnete in Chicago einen Laden, in dem er mit Straßenkindern alte Fahrräder aufarbeitet - naht- und fugenlos ist seine Kunst im Alltag aufgegangen und hat ihre Unverwechselbarkeit dreingegeben.

Selbst dort, wo sie noch auf eine eigene Ästhetik beharren, lassen sich Künstler rasch vereinnahmen, so wie Ingo Günther oder Gerhard Merz, die stets eine Kunst der Ausnahme proklamierten und zugleich mithalfen, die VW-Autostadt in Wolfsburg auszustaffieren. So wie dort sind Künstler allerorten damit einverstanden, dass ihr Name wie ein Label behandelt wird - ihre Kunst ist ein Markenartikel wie viele andere. Sie streben gar nicht mehr nach dem Außerordentlichen, sondern lassen sich auf den Oberflächen der Popkultur treiben, betätigen sich als Geschmacksverstärker und Image-Aufheller.

Wenn aber die Kunst allein darauf zielt, endlich mit dem ganz normalen Wahnsinn zu verschmelzen, wenn sie das Dekorum ist, mit dem sich Gewinnstreber und Gute-Laune-Leute ihre Freizeit ausschmücken - brauchen wir sie dann eigentlich noch? Was passierte denn, wenn ab sofort die Kunstwelt in einen unbefristeten Streik ginge? Würde uns etwas fehlen, wären wir ärmer, dümmer, dumpfer?

Auf die Antwort der Künstler, der Galeristen, Museumskuratoren und Kritiker braucht man nicht lange zu warten. Sie leben durch und von der Kunst. Doch selbst in ihren Zirkeln gibt es Unbehagen, man grummelt über den Zustand des Zeitgenössischen - und macht weiter wie gehabt. Stoisch arbeiten sich die Künstler an ihren alten Fragen ab: Welchen Zwängen können wir uns entziehen? Und: Welche Grenzen lassen sich noch überschreiten? Immer und immer wieder wird nachgewiesen, dass alles sich zur Kunst verklären lässt. Und immer weiter gerät man so ins Schwarze Loch der Bedeutungslosigkeit. Dabei könnte man diesem durchaus entkommen, die Künstler müssten nur die Fragerichtung ändern. Nicht was die Kunst auch kann, gilt es zu erforschen, sondern was sie allein vermag.

Völlig abwegig wäre es, eine neue Einheitsdefinition verfügen zu wollen, um wieder zwischen Kunst und Nichtkunst klar zu trennen. Die Zeit der Akademien, die einst über Ein- und Ausschlüsse befanden, ist lange vorüber. Heute sind die Künste zerrissen wie die Gesellschaft, hier wie dort ist das universale Menschenbild verlorenen gegangen. Und hinter diese Pluralität wird es kein Zurück geben.

Nur hat sich dieses, so stellt man verwundert fest, im System der Kunst bislang noch nicht herumgesprochen. Zwar schwört man, alle Stil- und Geschmacksdiktate überwunden zu haben. In Wahrheit aber glauben viele noch an das Konzept der Avantgarde, daran, dass sich die Künste in eine verbindliche Richtung entwickeln - die Vorhut prescht voran, das Feld muss folgen. Es gilt ein kryptonormativer comment, der nichts gibt auf handwerkliches Können, der das Seelenvolle als Kitsch abtut und Schönheit ächtet. Stillschweigend hat man sich darauf geeinigt, dass die Kunst jung und frech zu sein habe, dass sie etwas Neues bieten müsse und der Gesellschaftskritik oder der Selbstwahrnehmung dienlich sein sollte. Nur selten wird darüber nachgedacht, wie sinnvoll diese Kriterien tatsächlich sind, denn noch eine Regel gibt es: Die Kunst darf alles infrage stellen, doch Fragen an das Kunstsystem gelten als unstatthaft. Schnell wird der Kritiker als Feind des Zeitgenössischen ins dunkle Eck gedrängt. Die Ängste und Immunisierungsmechanismen sind gewaltig, die Denkverbote unerbittlich.

Gleichwohl wäre es wichtig, diese Fragen zuzulassen - nicht, um die Moderne zu verabschieden, sondern um eine reflexive Moderne endlich auch auf dem Feld der Kunst einzuläuten. Zwar beschäftigen sich Künstler mit Künstlern, mit Ausstellungs- oder Vermarktungsgepflogenheiten, es fehlt aber eine Kritik des Grundsätzlichen. Niemand wagt die unbequeme Frage, was das Gute an guter Kunst eigentlich sei. Doch erst wer sich aufmacht, die eigenen Kriterien abzuklopfen, wer neue Geltungsansprüche erhebt, wird über die Künste wieder streiten können und sie aus vielen Sackgassen führen.

Nein, die Künste sind nicht tot. Sie haben sich nur selbst gelähmt

Eine dieser Sackgassen trägt den Namen "das Neue". Erstaunlich hörig folgen viele Künstler dem Glaubenssatz der ästhetischen Innovation und kleben Bilder aus Hansaplast-Pflastern zusammen oder schnitzen Betonmischer aus Holz, nur um der Novitätenpflicht und ihrer Marktlogik zu genügen. Immer neue Formen und Tätigkeiten werden durchgespielt, immer kürzere Haltbarkeitsfristen nimmt man in Kauf. Es ist ein verblödendes Spiel, eines, das die Regeln zum Inhalt macht. Ohne groß darüber nachzudenken, verpönt man das Tradierte, das Porträt ebenso wie das Historienbild, denn so etwas könne man einfach nicht mehr machen, heißt es; außerdem gebe es ja heute die Fotografie. Würden Schriftsteller genauso denken wie Künstler, dann schrieben sie keine Liebes- und keine Kriminalromane mehr - schließlich gibt es davon schon Zehntausende, und im Fernsehen sind ständig Affären und Krimis zu sehen. Zum Glück ist die Literatur zwangloser als die Kunst, sie beraubt sich nicht ihrer ureigensten Möglichkeiten.

"Schock und Verunsicherung" nennt sich eine weitere Sackgasse. Oft übersehen Künstler, dass andere Branchen ihre Irritationsstrategien längst adaptiert haben und sie nutzen, um etwa der erwartbaren Autowerbung etwas befremdlich Überraschendes zu verleihen. In Zeiten, in denen alle Tabus zerbrochen sind, in denen viele Menschen ohnehin verunsichert durchs Leben gehen, wirken Schock und Verstörung nur wie Verdoppelungen einer unerfreulichen Gegenwart. Ähnlich verhält es sich mit dem Kriterium des Kritischen: Der Regelbruch gehört mittlerweile zum Regelhaften. Manager etwa holen sich gern widerspenstige Künstler ins Haus, wohl wissend, dass deren Duldung das eigene Ansehen nur umso heller leuchten lässt.

Wofür aber brauchen wir die zeitgenössische Kunst, wenn nicht für das Neue, das Fremde, das Kritische? "Kunst ist überflüssig", behauptete ein vorwitziges Transparent auf der documenta 5, und vielleicht muss man tatsächlich einräumen, dass wir sie nicht brauchen, zumindest nicht für irgendetwas Unverzichtbares. Letzte Wahrheiten sucht man in ihr vergeblich - anders als Schiller hoffte, wird in der Kunst nicht alle Entfremdung aufgehoben; anders als Adorno und Heidegger behaupteten, ist sie keine höhere Art der Welterkenntnis. Und wer nie ins Museum geht, ist kein schlechterer Mensch als der stete Kunstgänger.

Dies Eingeständnis klingt ernüchternd und könnte doch entlastend wirken. Erlöst von allen Selbstzwängen der Artokratie, dürften sich die Künstler endlich darauf besinnen, wovon und, mehr noch, wofür sie eigentlich frei sind. Schnell stellte sich dann heraus, dass die Kunst sehr unterschiedlichen Funktionen zu folgen vermag: Sie kann ein schönes Sonntagsvergnügen sein oder - mit Kant - "die Kultur der Gemütskräfte zur geselligen Mitteilung befördern". Sie kann einen Freiraum für das Unangepasste bieten, kann schmücken, politisieren, amüsieren oder nur sich selbst zum Thema machen. Gerade in dieser Unvorherbestimmtheit liegt ihre große Chance. Doch wird sie von vielen Künstlern leichtfertig vergeben. Sie folgen den Marktregeln und legen sich fest auf ein Thema, eine Machart, einen Stil. Wohl deshalb wirken viele Werke konstruiert, fahl und dünnblütig.

Kunst aber ist nur, was uns als Kunst vorkommt. Sie kommt uns als Kunst vor, wenn sie uns etwas bedeutet. Und sie bedeutet uns etwas, wenn sie uns berührt, uns packt oder ansticht, wenn sie selbst in ihrem Schweigen etwas sagt. Bei aller Nähe aber muss sie unnahbar bleiben, sie muss unsere Neugier wecken, ohne sie zu stillen. Erst in diesem unlösbaren Wechselspiel wird sie unsere moralische, soziale und religiöse Fantasie beflügeln. Künstler vermögen es, uns "sehen zu lassen, dass es Unsichtbares im Sichtbaren gibt", wie Jean-François Lyotard schreibt. Sie können unsere Lust am Denken im Konjunktiv wecken, können in uns die Vorstellung reifen lassen, dass die Welt einst anders war und dass sie anders werden könnte. Welche Form, welches Material die Kunst dafür wählt, ob sie in Schönheit glänzt oder mit Hässlichkeit alle Harmoniebedürfnisse durchkreuzt, ob sie Genuss bietet oder Zumutung verordnet, ist gleichgültig. Es zählt nicht, was wir sehen; es zählt, was sich in uns abbildet. Gleichwohl wird die Kunst unseren Möglichkeitssinn erst kitzeln, wenn sie sich selbst das Mögliche wieder zutraut und dem Gleichlauf der Gegenwart entkommt.

Okwui Enwezor hat mit seiner Documenta einen solchen Ausbruch versucht, er wollte einen Freiraum begründen. Doch mit seinem Votum für die Theorie, für eine Documenta der Symposien, hat er nur eine bestehende Wirklichkeit vervielfacht. Allerorten werden Vorträge gehalten und Diskussionsrunden einberufen - es mangelt nicht an Wissen, an Gewissen aber schon. Um dieses zu schulen, wollte Enwezor die Fixierung der Kunstszene auf die westliche Welt aufbrechen. Ungewollt verstärkte er aber die kolonialistischen Muster, denn dank der Kongresse ist die Documenta jetzt auch dort begehrt, wo kaum jemand von ihr wusste. Nun haben selbst die Künstler von Neu-Delhi und Lagos eine Einladung nach Kassel zu ihrem Karriereziel erklärt.

Doch selbst wenn Enwezors Experimente zu 80 Prozent gescheitert sind - es bleibt die Hoffnung auf die Künstler. Wenn sie die Attacke des Kurators als Herausforderung begriffen, wenn sie sich nicht in den Schmollwinkel verzögen, dann könnte Kassel wieder zur Verheißung werden. Die Kunst ist ja nicht tot, sie lähmt sich nur selbst. Sie muss erst ihren Eigensinn neu beleben, muss entdecken, dass sie sich in der Theorie nicht erschöpft, sondern allen Regeln, vor allem ihren eigenen, entkommen kann. Dann wird sich die Erstarrung lösen.

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