Biographien:
Darf man/frau sich eigentlich über
"die Medien" beschweren, etwa in bezug auf einseitige
Berichterstattung oder z.T. wahnwitzige Fokusierung auf sehr wenige und zeitlich
eng begrenzte Themenbereiche? Wer will und kann sich denn über die Vorkommnisse
und Zustände auf der ganzen Welt informieren, selbst wenn alle Themenbereiche
so einfach zugänglich wären wie die Ausschnitte, die über die Massenmedien
fast unabwendbar auf uns einströmen? Und doch wird es immer wieder eingeklagt
in Form von Beschwerden über Politikverdrossenheit, in Bittbriefen von
Hilfsorganisationen, durch oppositionelle Medien usw. Und dabei bleibt es nicht.
Auf das Aufspüren und schnelle Erfassen von Trends, das Einarbeiten in die
jeweils schnell wechselnden beruflichen Trends und Neuerungen usw. wird
ununterbrochen und heftig gefordert. Noch vor zweihundert Jahren kannten sich
nur die Schlauen und jeweils Bestimmenden im eigenen Dorf aus, indem sie die
Realitäten zumindest selbst mitbestimmten und ihnen deshalb nicht erst nachspüren
mussten. Es scheint fast eine Antwort darauf zu sein, dass heute vom globalen
Dorf geredet wird und die Welt, die nun mal unvergleichlich größer ist als ein
sechshundert "Seelen" Dorf medial auf die Größe eines Dorfes
zusammengefasst wird. Es entsteht ein Dorf auf dem Monitor, eine Dorfwelt, deren
Grenze die gerade aktuellen Themen abstecken und das sich durch den schnellen
Wechsel der Themen auch schnell verändert. Es wird zu Momentanaufnahmen, die
fast zusammenhangslos werden. Der Monitor, das Medium wird zur Welt, über die
man informiert sein muss.
Ein individuelles Weltbild zu
erstellen scheint der Aufgabe gleich zu kommen, die ein Computer bei der
schlichten Berechnung eines Bildes aus einer gigantischen Summen von
Einzelinformationen bewältigen muss. Eins und eins zusammenzählen. Klingt
einfach, ist aber schlechterdings nicht bewältigbar. Bleiben wir im Bild von
der Computerberechnung. Ein schlichtes Farbfoto in Normalgröße hat 30 000 000
Bildpunkte. Jeder Bildpunkt setzt sich bei durchschnittlichen Computerprogrammen
aus einer sechsstelligen Farbinformation zusammen. Jede Stelle kann nicht durch
zehn, sondern nur durch fünf Variablen besetzt werden. Eine riesige Datenfülle.
Das Ganze in Nullen und Einsen ausgedruckt auf Papier füllt eine ordentliche
Enzyklopädie in Buchform. Versuchens Sie mal sie zu lesen. Abends im Bett, bis
das Bild vor ihren Augen entsteht. Jeden Abend liefere ich Ihnen eine neue. Bin
gespannt, wie lange Sie es durchhalten.
Das binäre Denken überfordert
uns, wir fordern Überblicke von denen, die die neuen Enzyklopädien
allabendlich in unsere Wohnzimmer liefern. Und die Lieferanten haben schon lange
erkannt, dass sie machen können, was sie wollen, solange sie die Konkurrenz in
Schach halten. Sie scannen jeden Abend ein neues fast beliebiges Bild ein,
zerlegen es in seine Einzeldaten, drucken es aus und verschicken es in alle
Wohnzimmer der Welt, damit man was zum Lesen hat. Jeden Tag tolle neue lange
fantastische Menüs, die für sich in Anspruch nehmen zu schmecken wie das
Leben. Die Leser sind völlig überfordert und gezwungen, zu glauben, was als Überschrift
und Kehrvers gerade noch zu entziffern ist. Wer mehr wissen will über das
Leben, muss gewissenhafter auf die Monitore der Enzyklopädien schauen. Das nur
auf den Monitoren bestehende globale Dorf wird das einzige. Selbst unser
Wohnzimmer, das Dach über dem Monitor scheint zu verschwimmen. Und unser Ziel
ist es, im Monitor zu erscheinen, damit andere wissen, dass wir existieren in
einer der Wohnungen im Ort. Sonst werden wir geboren und sterben, ohne dass
jemand Notiz von uns genommen hat wie die Alten, die unser Monitor zeigt, die
nach zwei Jahren schon fast vollständig verwest doch noch in ihrer Wohnung
gefunden werden, weil ihrem Leichengeruch gelang, an was sie selbst gescheitert
sind: Aufmerksamkeit zu erregen im Monitor, der uns als Guckloch dient in ein
Dorf, das wir das unsere nennen.
Aber wir brauchen individuelle Welt und Lebensbilder,
nicht zerlegt in binäre Programmierungen, die wir einzeln zu lesen versuchen.
Ein Bild, das sich nach einer Schrecksekunde in einer weiteren Sekunde in den
groben Zügen lesen lässt und in seinem Gesamtduktus nach einer Stunde
Meditation so gut erkannt ist, dass man nicht mehr stolpert, wenn man es als
Handlungsgrundlage verwendet. Zeichnen und malen sie darin herum. Je nach
Eindruck deckend oder glasierend. Es wird nicht eindimensional bleiben, sondern
Landschaften formen, die ihr Leben zeigen. Im Bild taucht ihre erste Liebe auf,
ihre Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit über die Enzyklopädien wird greifbar
und behandelbar. Sie verwenden Farben, die ineinander fließen- ganz ungewohnt
in den Schwarz-Weiß-Drucken der Enzykopädien, die zwar Farbe darstellen, aber
so oft in Schwarz und Weiß zerlegt, dass ein ins Blaue changierendes Rosa nicht
mehr zu entschlüsseln ist. Es taucht ihr Supermarkt auf, ihr Wohnzimmer wird
sichtbar, ihre Großeltern erstehen wieder auf, Menschen verhalten sich anders
als auf dem Monitor- überhaupt, so etwas hat der Monitor noch nie gezeigt. Sie
machen das Bild!!!!! Ein komplexes Bild, enzyklopädiendick, überschaubar
morgens am Frühstückstisch. Sie kennen es ja, ist ja von ihnen! Und das
bisschen Aktuelles Reinmalen ist wie herummäkeln an Romanen. Dass hätte ich
besser gekonnt. Ein bisschen am Schliff herumdoktern kriegt jeder hin - solange
die Grundstruktur schon steht. Und die steht, bei jedem Menschen. Sie müssen
sie nur aufmalen. Menschen werden so lange von Medien beherrscht, bis sie
erkennen, dass sie selbst Medien sind - und zwar die jeweils relevantesten.
In letzter Zeit habe ich einige Plastiken aus Ton gefertigt. Sie entstanden aus kleinen Bätzchen, die wie Klümpchen Dreck zusammengeklebt und verstrichen wurden. Aus vielen kleinen Teilchen entstand so ein harter innerer Kern, an den wieder Klümpchen angedrückt wurden, bis sich schließlich eine Figur abzeichnete, und man nicht mehr sicher war, ob man einen Menschen, der vor Dreck nicht mehr klar zu erkennen war, oder einen Lehmklumpen, der zufällig Ähnlichkeit mit einem Menschen hatte, vor sich sah. Ich meine damit Menschen unserer Zeit am besten abbilden zu können. So entstanden Frauenfiguren, die sich nach Liebe sehnten oder fest in sich zusammenrollten. Das Gute daran ist, dass man wieder nur die Oberfläche sieht, der Kern aber unsichtbar wird, obwohl seine Entstehung noch bis zu einem bestimmten Grad nachvollziehbar war, da ja auch die Oberfläche der Figuren so gestaltet ist und deutlich zeigt, dass auch sie jederzeit wieder überarbeitet werden könnte. Teile könnten herausbrechen, neue Klümpchen angelagert werden und die so veränderte Figur selbst Kern oder Teil einer zukünftigen sein. Wenn man statt des Tons verschiedenfarbiges Plastilin verwendet, lässt sich für jedes Ereignis im Leben und für jedes damit verbundene Gefühl eine eigene Farbe finden. Je nach Intensität des Erlebten oder nach Dauer - ganz nach Belieben- bestimmt sich die Größe der einzelnen Kugeln oder Einzelteile, aus denen nach und nach die Figur zusammengeknetet wird. Bei einem Selbstportrait entstehe ich neu unter meiner Hand - nicht beliebig, sondern auf dem Hintergrund meines Lebens. Rollt man die Plastik mit dem Nudelholz flach, tritt die Lebensgeschichte zweidimensional hervor, kann zwischen zwei Plexiglasplatten gelegt werden und als Bild die Wohnung zieren. Je öfter das Plastilinabbild des Lebens aktualisiert wird und in neuen Konstellationen zu einer Figur zusammengesetzt und wieder ausgerollt wird, desto einheitlicher wird die Masse. Es bildet sich ein einheitlicher Kern heraus, eine Lebensfarbe, ein Charakter, in den neue andersfarbige Einflüsse schritt für Schritt eingearbeitet werden und das Ganze beeinflussen. So kann die Entwicklung eines Menschen von der Kindheit bis ins Alter in ein Bild des Lebens einfließen. Auf die gleiche Weise können Familienbilder, individuelle Weltbilder, Gruppenbilder usw. erstellt werden.
Idealerweise entsteht so durch jahrelange Arbeit an der Figur eine äußerst komplexe und feinststrukturierte Masse. Je länger die Beschäftigung mit der Figur andauert, desto umfangreicher wird diese Masse auch. Schon bald läßt sie sich nicht mehr in einer Fläche ausrollen. Das Leben paßt nicht mehr auf ein "Blatt Papier"! Ich empfehle dann die Figur, die durchaus keine menschlichen Formen haben muß, sondern ja nach Bedürfnissen an unterschiedlichen Stellen und in unterschiedliche Richtungen ausgebaut werden sollte, in Scheiben zu schneiden. Die Scheiben werden der Reihe nach ausgelegt und wiederum möglichst flach ausgerollt. Es ist nun möglich, die einzelnen ausgerollten Flächen zu fotografieren und die so gewonnenen Bilder halbtransparent auf Plexiglasplatten zu übertragen. Diese Platten in Folge hintereinandergestellt ergeben dann eine für 2-5 Schichten transparente Lebensschau.
Das Ganze kann verkleinert in Buchform auf Folien abgedruckt werden. Wir blättern in unserem Lebensbuch, dessen Entstehung uns bekannt und doch völlig wundersam und rätselhaft ist. Vielleicht erkennen wir größere und kleinere Komplexe wieder. Durch das aufgefächerte Buch lassen sich diese einzeln bearbeiten und durch neue Schichten ergänzen, die wiederum auf das Ganze des Buches Einfluß nehmen.
Das im Foyer gezeigte Bild ist die malerische Übertragung des ersten Ausrollens einer solchen Figur auf eine Sperrholzplatte. Sie dient als Grundlage für weitere halbtransparente Überarbeitungen. Statt Folien und Plexiglas werden hier Wachs und verschiedene Harze verwendet.
Michael Krauß, Wien 2000, 2001, 2002. Letzte Bearbeitung 20.6.2002