Die Altare, die in dieser Reihe entstehen sollen, verfolgen alle ein Ziel: Die Übersetzung christlicher Inhalte in unsere Zeit und Sprache und zwar in einer Art und Weise, die zwingt, das Anstößige, Ungewohnte und scheinbar Irrige christlicher Verkündigung wahrzunehmen. Christlichen Inhalten soll dadurch in besonderer Weise die jedes Leben unmittelbar betreffende Wirkkraft in unserer Sprache und Bildsprache zurückgegeben werden. Diese unmittelbare Wirkkraft nimmt das Wort Gottes für sich in Anspruch. Sie soll in unserer Sprache zum Ausdruck kommen. Malerei hat hier besondere Möglichkeiten. Es wird sich zeigen, ob christliche Malerei, Diskussionen freisetzen kann, wie dies Literatur in jüngster Zeit geschafft hat. (Siehe dazu auch: Zur schweren Schieflage der Kunst)

Zum ersten Altar:

Der Altar ist in Form eines klassischen Flügelaltars aufgebaut.

Die Außenflügel zeigen zwei Menschen von hinten, eine Mann und eine Frau. In ihren Körpern stecken blutige, spitze Holzspeere. Sie wenden sich offenbar dem inneren des Altars zu. Sie sind bekleidet und scheinen ihre Wunden zumindest nicht in vollem Ausmaß wahrzunehmen.

Klappt man den Altar auf, steht man vor dem Weltenrichter nach Matthäus 25: Im Mittelfeld ein Mensch sitzend auf einer durchschnittlichen Raststättentoilette, zu seiner Rechten eine Gruppe Menschen mit verheilenden Wunden, zu seiner linken blutige Holzspeere. Die Abbildung des Weltenrichters auf dem Klo, spielt mit dem frühchristlichen Dogma "Jesus Christus: Wahrer Mensch und wahrer Gott." Sie will anregen, darüber nachzudenken, was es heißen mag, wenn Christen bekennen, dass ein Mensch aus Fleisch und Blut, der Sohn eines schlichten Zimmermanns vor rund 2000 Jahren, ein Mensch (fast) wie jeder andere, zugleich Gottes Sohn und der Erlöser der Welt ist. Entblößt, den Blicken und dem Spott ausgeliefert, sitzt er in einer für manche anstößigen, vielleicht ärgerlichen oder peinlichen Position auf einem "Thron", über den man lacht. Der lächerliche Thron steht parallel zur lächerlichen Krone am Kreuz. Die Pose ist anstößig wie die am Kreuz. Sie wirkt stärker als die grausame Kreuzigungsszene, anstößiger, denn an die Grausamkeit des Kreuzes haben sich wohl die Meisten gewöhnt. "Oder wollen Sie ihn noch ernsthaft abnehmen vom Kreuz?"

Die "Speere zur Linken" und die "Menschen zur Rechten" gehen der Frage nach, wie es sich mit dem Gericht Gottes verhält. Erlösung für alle von den Wunden, die die Sünde schlägt? Warum dann überhaupt Gericht? Oder besser, warum dann überhaupt Zorn Gottes? Der Altar legt nahe, vom Zorn Gottes gegen die Sünde und von seiner Gnade dem Sünder gegenüber zu sprechen: Ein vernichtendes Urteil für alles Unheil - und Heil für die gesamte Schöpfung.

Zur Nacktheit der Menschen zur Rechten (im Entwurf gekennzeichnet mit "Erlöste"): "Jeder tiefe Geist braucht eine Maske"(Nietsche). Sie ist wie Kleidung Zeichen von Scham. Der Mensch empfindet Scham, weil ihm etwas fehlt. "Scham ist die nicht zu beseitigende Erinnerung des Menschen an seine Entzweiung mit dem Ursprung, sie ist der Schmerz über diese Entzweiung und das ohnmächtige Verlangen, sie rückgängig zu machen." . "Scham sucht Verhüllung als Überwindung der Entzweiung. Verhüllung bedeutet aber  zugleich Bestätigung der geschehenen Entzweiung."(Bonhoeffer) In der christlichen Kunst spiegelt sich dies in der Darstellung der nackten Menschen im Paradies und der Bekleidung nach dem Fall. Die Nacktheit steht für das ungebrochene Verhältnis des Menschen zu Gott. Nach dem Fall ist diese ungebrochene Verbindung zum Ursprung von Seiten des Menschen unwiederbringlich zerbrochen. Menschen erscheinen von nun an bekleidet und Nacktheit wird zum Symbol der Entehrung und Verletzlichkeit. Interessanterweise tauchen aber Kleider bei der Erlösung auf. Nur die Darstellungen von Verworfenen zeigen Nacktheit. Mir scheint aber gerade beim Thema des ewigen Lebens Nacktheit ein starkes Symbol zu sein. Da die christliche Hoffnung doch gerade dahin geht, das Gott uns wieder in ungebrochene Gemeinschaft zu ihm setzt. In diesem Sinne erscheint auch die Nacktheit des Panthokrators in einem zweifachen Licht. Die Nacktheit als Symbol der Erniedrigung trägt in sich schon das Zeichen der Erlösung und Heilung. Im "Kreuz" erscheint die Auferstehung. Die Erlösten zur Rechten erscheinen eben in dieser Nackheit als Symbol der ungebrochenen Einheit. Sie blicken die Betachtenden wie Christus "schamlos" direkt an, weil  ihnen nichts fehlt, weil sie die verlorene Ganzheit wiederbekommen haben. Sie sind aber in dieser Ganzheit nur wahrnehmbar. Uns ist bleibt es noch verwehrt, vollständig zu ihnen zu stoßen. Wir sind noch Teil der gefallenen Welt, die aber als solche von Gott geliebt ist und unter der Verheißung ihrer Erlösung steht. Wir schauen schon hinein in die erlöste Welt und leben durch unsere Hoffnung schon aus ihr. Aber es ist uns verwehrt ins Bild einzutreten. Wir laufen gegen Sperrholz beschichtet mit Pigmenten und Öl.

Unter dem Weltenrichter wird eine Reihe Engel gezeigt: Abgemalte "beliebige Fotos", die in ihrer gemalten "Verfremdung" deutlich werden lassen, dass und wie es sich um Gottes Engel verhält: Sobald etwas sinnvoll wird, Bedeutung für mein Leben gewinnt, sodaß mein Leben an der Fülle des Lebens teilnimmt oder ihrer zumindest neu gewahr wird, spricht Gott durch dieses etwas oder diesen jemand zu mir. Der Mensch oder das Objekt wird zum Engel. Wirklichkeit erscheint in einem anderen Licht. Im besten Fall, im Licht Gottes. Engel können für uns bitten und uns bewahren, deshalb dürfen wir Gott um seine Engel bitten. Die Engel sind aber keine göttlichen Wesen, ihnen kommt keine religiöse Verehrung zu. Engel sind Gottes Boten. Als solche existieren sie in ihrem Auftrag. Es gibt wohl keinen Grund, anzunehmen, dass es unter der Vielzahl von Geschöpfen eine Art von Geschöpfen Gottes gibt, die als "Engel" zu bezeichnen sind. Aber dennoch geschieht es, dass Menschen sich getragen fühlen, beschützt fühlen oder ihnen die bedrohliche oder rettende Wirklichkeit Gottes auf spürbare Weise so nahe kommt, dass sie es als leibhaftiges Wirken Gottes erfahren. Entscheidend ist nicht die Gestalt oder Erscheinungsweise des Boten, sondern sein Auftrag. Durch die Erfüllung seines Auftrag tritt der Engel ins Dasein und mit seiner Erfüllung vergeht er wieder. Durch ihn wird der Bote zum Engel. Die Seinsweise eines Engels ist der göttliche Auftrag, den er erfüllt. Dadurch wird der Engel zum Symbol, das auf Gott verweist. Auf diese Weise kann schlichtweg alles zu einem Engel werden, für einen kurzen Moment oder längere Zeit, vielleicht sogar als Lebensbegleiter: Ein Foto, eine Rolle Klopapier, ein Wollknäuel, ein Kaktus, ein schlichter Computer, ein Traktor, eine alte Frau, ein Stück Zellophan, ein Arbeiter am Fließband, ein Güterzug, oder Blätter vor dem Himmel. Es kann aber auch genauso unvermittelt in seiner Seinsweise als Engel vergehen und wieder zu einer Rolle Klopapier, einem Wollknäuel, einem schlichten Computer, einem Traktor, einer alten Frau, einem Stück Zellophan, einem Arbeiter am Fließband, einem Güterzug, oder Blättern vor dem Himmel werden.

Zur Malweise: "Wenn ich zeichne - einen Menschen, ein Objekt -, muss ich mir über Proportion, Genauigkeit, Abstraktion oder Entstellung und so weiter bewusst werden. Wenn ich ein Photo abmale, ist das bewusste Denken ausgeschaltet. Ich weiß nicht, was ich tue. Meine Arbeit liegt viel näher beim Informellen ale bei irgendeiner Art von `Realismus´. Das Photo hat eine eigene Abstraktion, die gar nicht so leicht zu durchschauen ist... Es ist das, woran jeder heute glaubt. Das "Normale". Wenn es nachher "anders" wird, ist die Wirkung viel stärker als durch Deformation, wie bei den Figuren von Dali oder Bacon. Man kann plötzlich vor einem solchen Bild Angst bekommen." (Gerhard Richter in : Schriften und Interviews, Frankfurt am Main und Leipzig: Insel, 1994, 2. Auflage, S. 25)

  Durch das Abmalen bekommt sowohl das Foto als auch das gemalte Bild eine neue Qualität, transportiert, obwohl es scheinbar nur reproduziert wurde, eine andere Botschaft, spricht überhaupt vielleicht erst dadurch an. Gerhard Richters Malweise scheint mir deshalb für die Darstellung von Engeln sehr geeignet. Alltägliches wird transformiert und Teil einer Wirklichkeit, die sonst verborgen ist. Die Ähnlichkeit solcher Bilder mit Fotos eröffnet die Chance das Bild als Foto wahrzunehmen. Erst beim näherkommen findet der Sprung in die so völlig andere und Wirklichkeit statt. Die neu erlebte Wirklichkeit verschwindet nicht einfach wieder, indem man wieder räumlichen Abstand zum Bild gewinnt. Das Bild wird, auch wenn es aus größerer Entfernung wieder wie ein Foto erscheint, im Horizont der neuen Wirklichkeit gelesen, nämlich als Gemälde. Die erlebte Wirklichkeit (der Eindruck eins Fotos) erscheint unter anderen Vorzeichen durch das Erlebnis, das das Bild transportierte. Das Bild wird zum Boten einer neuen, veränderten Wirklichkeit.