START  •  Im Spiegel der englischen Darstellung

Im Spiegel der englischen Darstellung

Karte auf der Titelseite des DAILY TELEGRAPH, 18.05.1943Erst im letzten Jahre lüfteten die englischen Stellen das Schweigen, das sie bis dahin über die Torpedierung der Möhnesperre verhängt hatten. Englische Zeitungen berichteten lang und breit über das Ereignis, und von hier aus nahmen die Berichte den Weg in die deutsche Presse. Was sagt die andere Seite? So las man es in mehreren deutschen Zeitungen:

"Am Spätabend des 16. Mai 1943, bei Vollmond, starten vom Flugplatz Scampton 18 Lancaster unter Führung des Oberstleutnants Gibson. Jede Maschine trägt außer der siebenköpfigen Besatzung und einer erheblichen Menge Treibstoff nur eine einzige gewaltige Spezialbombe. Die 18 Flugzeuge haben den Auftrag, die Talsperren der Möhne, Eder und Sorpe zu bombardieren.

Der Angriff auf die Sperren wurde seit Monaten vorbereitet. Das britische Kriegskabinett, besonders Churchill, hatte das größte Interesse an dem Unternehmen, hatte die Konstruktion einer Spezialbombe so weit gefördert, daß das Sonderkommando zusammengestellt und ausgebildet werden konnte. Aus allen Einheiten der RAF wurden die besten Piloten und Besatzungen ausgesucht. Die neue Gruppe, Squadron 617, bekam besonders konstruierte Lancaster-Maschinen.

"Professor Jeff" (Deckname des Ingenieurs) gab Gibson als Führer des Unternehmens die erste Aufklärung. Es kam darauf an, mit einer Stundengeschwindigkeit von 385 Kilometern in einer Höhe von 18 Metern eine Wasserfläche zu überfliegen und dabei nachts Bomben oder Minen mit einer Zielgenauigkeit von wenigen Metern abzuwerfen. Ein Film zeigte ihm die ersten streng geheim angestellten Abwürfe von Versuchsbomben.

Der Probeabwurf einer Originalbombe aus 60 Fuß Höhe war erfolgreich, und die Fabrikation wurde mit Vorrang von einer Reihe von Fabriken aufgenommen. Bald rollten auf vierachsigen LKWS die ersten auf dem Flugplatz an, zylinderförmige Ungeheuer von 3,40 Meter Durchmesser.

Von den drei Stauseen galt die Möhnetalsperre als das wichtigste Ziel. In jenen Tagen füllte sie sich allmählich. "Jeff" hatte berechnet, die für den Bombenabwurf günstigste Höhe des Wasserspiegels würde 1,20 Meter unter der Mauerkrone sein. Täglich wurde die Sperre von Beobachtern photographiert, aber niemals direkt, sondern immer auf Umwegen und scheinbar zufällig angeflogen. Die Lichtbilder zeigten, daß der Wasserspiegel am 17. April noch 4,50 Meter unterhalb des Mauerrandes stand. Anfang Mai noch 3 Meter, so daß die gewünschte Höhe voraussichtlich Mitte Mai erreicht sein würde. Gleichzeitig wurde festgestellt, daß die Abwehrflak nicht verstärkt wurde. so daß anzunehmen war, man habe auf deutscher Seite keinerlei Kenntnis von dem geplanten Unternehmen.

Zwei Monate lang hatte Squadron 617 alle Seen Englands überflogen und 2500 Übungsbomben abgeworfen. Mit Hilfe selbst konstruierter Zielvorrichtungen war die erwünschte Sicherheit erreicht worden. Nach einer Generalprobe kam der Startbefehl für den 16. Mai. Erst jetzt wurden den einzelnen Piloten und Besatzungen die Ziele mitgeteilt und alle Einzelheiten besprochen.

Der Verband ist in drei Formationen unterteilt. Neun Maschinen, darunter die des Kommandanten, sollen zunächst die Möhnetalsperre und mit den etwa verbleibenden Bomben die Edertalsperre angreifen. Fünf Maschinen fliegen die Sorpe an, sie sollen vor allem die Auf- merksamkeit der deutschen Nachtjäger von den Hauptobjekten ab- und auf sich lenken. Daher sollen sie möglichst unauffällig herumkurven und Leuchtkugeln abschießen. Vier Maschinen schließlich fliegen in Reserve, um je nach Bedarf Lücken der beiden anderen Formationen auszufüllen. Alle Maschinen haben telefonische oder Funkverbindung miteinander.

Hinter der Haarhöhe liegt der Möhnesee, glatt wie ein Spiegel im Vollmondlicht des frühen 17. Mai. Und wie ein schlafendes Riesentier steht die Mauer, bestückt mit Flakgeschützen, die sofort das Feuer eröffnen. Zu der Bemannung gehörten in dieser Schicksalsnacht jugendliche Flakhelfer der Soester Oberschulen. Von Osten her fliegt Gibson 18 Meter hoch über dem Wasser, genau in der vorgeschriebenen Geschwindigkeit. Von der Mauer, die unheimlich näher kommt, spritzen ihm Leuchtspurgeschosse entgegen. Aber das Flugzeug wird nicht getroffen. Die Mine fällt kurz vor der Mauer. Leuchtkugeln sollen beim Überfliegen der Flak die Kanoniere blenden. Dann zurückgekurvt. Eine riesenhohe Wassersäule hängt in der Luft. Große Wogen schlagen über die Mauer, so daß Gibson schon denkt, sie sei geborsten. Aber sie steht noch.

Die Bomben können nur bei ruhigem Wasser geworfen werden. Es dauert etwa zehn Minuten, bis das erregte Element sich wieder besänftigt hat. Hauptmann Hopgood fliegt den zweiten Angriff. Ein Flakschuß trifft den Benzintank, der Treibstoff strömt brennend aus. Die Bombe fällt zu spät, über die Mauer und neben das E-Werk, wo sie explodiert. Hopgood versucht, seine brennende Maschine hochzureißen, damit die Besatzung herausspringen kann. Das Flugzeug bricht in Flammen auseinander, schlägt fünf Kilometer unterhalb der Mauer auf und brennt aus. Nur zwei Mann der Besatzung kommen mit dem Leben davon und werden gefangengenommen.

Es dauert lange, bis die Rauchwolke am E-Werk sich verzogen hat. Dann greift als dritter Hauptmann Martin an. Seine Maschine wird mehrfach getroffen, aber die Bombe fällt richtig. Wieder die hohe Wassersäule, doch die Mauer steht. Um dem vierten Angreifer, Major Young. seine Aufgabe zu erleichtern, feuern die übrigen Maschinen von der Talseite her auf die Flak, zeigen sogar ihre Positionslichter, um die Aufmerksamkeit der Kanoniere auf sich zu lenken. Nachdem Youngs Bombenschütze getroffen hat, stürzt eine Riesenwoge über die Mauer.

Hauptmann Maltbys Maschine wirft die fünfte Bombe. Sie trifft, aber die Luft ist nunmehr so gesättigt mit Wasserstaub, daß kaum noch zu sehen ist, was unten geschieht. Die Zeit wird knapp, Hauptmann Shannon bekommt Befehl zum sechsten Anflug.

Nach dem Angriff...Während dieser in weiter Kurve ausholt, sieht Gibson, daß die Mauer zusammenbricht. Sofort befiehlt er Shannon, nicht anzugreifen. Im Mondlicht ist jetzt deutlich zu erkennen, daß zwischen den beiden Türmen der Mauer eine gewaltige, fast 100 Meter breite Bresche klafft, durch die das Wasser unaufhaltsam strömt. Bis auf ein Geschütz hat die Flak aufgehört zu feuern.

Über das immer leerer werdende Heve-Becken, über schlafende Dörfer des Sauerlandes hinweg fliegt Gibson mit seinen Begleitern dem Edersee zu. Es wird schon langsam hell. Nebel füllt die Täler, und es ist nicht ganz leicht, den See und die Mauer zu finden. Hier ist keine Flaksicherung. Shannon soll zuerst werfen. Er setzt mehrmals an, doch wegen der steilen Uferberge kommt er nicht richtig ans Ziel. Schließlich befiehlt ihm Gibson, Major Maudslay zuerst angreifen zu lassen. Dessen Bombe trifft die Mauerkrone, explodiert und schleudert mit einer riesigen gelben Stichflamme die Maschine hoch. Von ihr und der Besatzung ist nichts mehr zu sehen, weder in der Luft noch am Boden.

Zerstörte Eder-TalsperreAls die Luft wieder klar geworden ist, kommt endlich Hauptmann Shannon zum Abwurf. Seine Bombe trifft die Mauer ungefähr in der Mitte. Nur noch eine Bombe steht zur Vefügung, die des Leutnants Les Knight. Sie zerbricht die Mauer, und auch der Edersee beginnt auszulaufen. Gibson befiehlt die Heimkehr.

Der Rückweg führt noch einmal über die Möhnetalsperre. Schon ragen die Viadukte hoch aus dem Wasser. Das E-Werk ist verschwunden. Die Torpedonetze sind herabgespült worden und liegen unterhalb der Mauer.

Acht Bomben waren gefallen, acht von achtzehn. Wo waren die anderen Maschinen? Von der Möhne-Abteilung war Hauptmann Astell über dem Ruhrgebiet abgeschossen worden. Seine Bombe war beim Aufprall explodiert. Von den fünf Flugzeugen der Sorpe-Abteilung hatte nur eine ihr Ziel erreicht. Eine Maschine war in die Nordsee geraten, hatte zwei ihrer vier Motoren eingebüßt und mußte umkehren. Zwei weitere Maschinen waren über der holländischen Küste abgeschossen worden. Die fünfte wurde ebenfalls getroffen, konnte aber noch umkehren.

Zwei der vier Reservemaschinen hatten sich am Angriff auf den Sorpe-Damm beteiligt, der also drei Bomben bekam, aber nicht zerstört wurde. Die anderen beiden Reserve-Flugzeuge waren und blieben spurlos verschwunden. Major Young stürzte auf dem Heimflug mit seiner Maschine in die Nordsee. Nur elf Lancaster hatten ihre Bomben abgeworfen, acht kehrten nicht zurück. Von den 56 Männern, welche die Besatzung dieser acht Maschinen gebildet hatten, blieben nur zwei am Leben. Hauptmann Maltby und Leutnant Les Knight kehrten im September 1943 von einem Angriff nicht zurück."

Quelle: #1

SEITENKOPF ••• E-MAILIMPRESSUM © 2003