"Das schwer Nennbare, das bei der ostjüdischen Singweise vorliegt, könnte ich begrifflich annähernd so beschreiben: An den leisen, ruhigen Volksweisen sind hier die Gefühlskomplexe der Demut, der Zerknirschung, der verhaltenen Zuversicht und der nach innen gerichteten Schau, an den bewegten, lauteren Liedern die Komplexe des Aufschreis, der Verzückung und der maßlosen Hingabe hervorragend beteiligt. Nicht etwa flackrig wird dadurch der Ton, aber er erscheint metaphysischer, in seine Bestandteile aufgelöst, er ist nicht mehr wie eine ruhige Decke, sondern wie ein zitterndes Gewand über der Seele ...
Der Fluß der Melodie wird hier bestimmt durch eine ganz gesetzmäßige und prägnante Art des Rezitativs, das ja auch für die altertümliche liturgusche Musik Vorschrift ist ...
Singst du also diese Lieder nur nach Noten, so verlieren sie vieles, was ihre besondere Schönheit und ihren Wohlklang ausmacht."
(Aus: "Das jüdische Volkslied.
Ein Merkblatt von Fritz Mordechai Kaufmann"
Jüdischer Verlag Berlin, 1919)
Die jüdische Kultur entwickelte sich über einen Zeitraum von über tausend Jahren auf dem Gebiet von Spanien bis Osteuropa. Die jiddische Sprache war dabei das verbindende Element, eine Sprache, die aus dem Mittelhochdeutschen, der hebräischen wie auch den slawischen Sprachen hervorging.
Viele jüdisch-deutsche Volkslieder gehen zurück auf die Tradition der mittelalterlich-deutschen Gesänge. Dies zeigt sich nicht nur in dem modalen bzw. von den Moll-Tonarten geprägten Charakter der jiddischen Lieder, man findet sogar Texte, die deutschen Ursprungs waren.
Dennoch kann man einen Unterschied zwischen der deutschen Romantik und den jüdischen Liedern erkennen: In der Romantik ist die Liebe zur Natuir und dem Lyrischen unverkennbar, das jüdische Lied hingegen ist bestimmt von der bedrückenden Wirklichkeit - Unterdrückung, Not - wie auch den religiösen Leben.
Aber nicht nur in Deutschland finden sich solche Parallelen. Die Melodien und Texte dieser volkstümlichen Lieder wurden auf den Wanderungen in die osteuropäischen Länder mitgenommen und dort von der slawischen Kultur mitgeprägt.
Einige der jüngeren Lieder haben ihren Ursprung im jüdischen Theater. Typisch für sie ist ihre Anlehnung an den Volkston.
Shpil she mir a lidele in jiddisch
(Trad.)
Gey ich mir shpatsiren
(Trad.)
Ich vil zich shpielen
(Text & Musik: Adolf King, arr.: Ban Jaffe)
Di grine kusine
(Trad.)
Shtil, di nakht is oysgeshtemt
(Text & Musik: Hirsch Glück)
Ojfn weg schtejt a bojm
(Jüd. Volkslied, Text: I. Manger)
Margaritkele
(Jiddisches Liebeslied)
Oi Mamme! Bin ich farliebt
(Text & Musik: Abe Ellstein, A Klesmer Yingel)
Oif'n Pripetshok
(althebräisches Volkslied)
Rozhinkes mit Mandlen
(Text & Musik: Abraham Goldfadden, arr.: Jack Kammen)
Es fehlt ihr die Rosinke
(Trad.)
Schlof, maijn Kind
(Russ. Volksweise, Satz: Erwin Jospe)
Ba-A M'Nucha
(Kurt Weill, aus: New Palestine)
Piccola Serenata
Leonard Bernstein)
Dos Kelbl (Das Kälbchen)
(Text: J. Katzenelson)
Yome, Yome
(Volkslied)
Laila, Laila (hebr. Wiegenlied)
(Text: Nathan Altermann, Musik: Mordechai Seyra)
A Brivele der Mamen
(Text & Musik: S. Shmulewitz)
Schlof, schlof
(Darius Milhaud)
Chanson Hebraïque: Mejerke
(Maurice Ravel: Chanson populaires, no 1)
 
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